Unvollkommen schön
Keck ist schon die Überschrift in diesen vermeintlich gottlosen Zeiten, typisch Dorothee. Aber »verrückt nach licht« heißt der ganze Gedichtband von 1984. Dass just an dessen Ende, zusammen mit einem anderen Gedicht »Beten«, dieser Kontra-Text steht, spricht Bände und passt in den Advent: Licht im Dunkel der Verhältnisse, Schönheit inmitten von so viel Hässlichkeit, Wahrheit inmitten von Fake News und ständiger Verschleppung drängender Probleme. Äußerst gewagt und genau getroffen ist der point of no return: »Die gewißheit das schöne zu finden / in allem was lebt / nennen wir seit alters gott«. Leben und Glauben als Suchen danach – und diese Suche ist schon gefunden davon. Denn was wäre attraktiver als das Schöne, durchaus erotisch im Widrigen und Widerlichen noch. Die als die Letzten gelten, bringen in Wahrheit ans Licht, was das Letzte und Erste ist: Schönheit. Sagen wir Anerkennung, Glanz, Bedeutung. Warum denn sonst strahlt jeder Mensch, der gelobt wird, gewürdigt und gesehen, gar geliebt? Manch ein armer Schlucker, selbst wenn man ihm nichts gäbe, strahlt schon, wenn man ihn ansieht und anspricht. Nicht zu vergessen diese elementare Sorge ums eigene An-Sehen. »Das war aber nicht nötig«, sagt die mit Blumen Beschenkte goldrichtig – und strahlt. Wie schön könnte und sollte die Welt sein, betont das Protestlied namens Schöpfungshymnus, nicht zufällig Notenschlüssel und Ouvertüre zur ganzen Bibel und zum wahren Leben (Genesis 1). »Sie lockt durch Schönheit zu sich« und bringt alles in Ordnung – im Notschrei der Erniedrigten und Verdammten und im Lustschrei glücklicher Höhepunkte. Die Fassbinder-Filme erzählen davon.
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Gotthard Fuchs, geboren 1938, ist katholischer Theologe und Publizist mit Schwerpunkt Spiritualität und Mystik.
