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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2019
Mach mich unsterblich!
Der Plan von der Erschaffung des perfekten Menschen
Der Inhalt:

Echt abgefahren!

vom 06.12.2019
Kolumne Von Fabian Vogt:

Als meine Frau und ich frisch verheiratet waren, hatte sie noch eine Stelle in Nordhessen – während ich in Südhessen gearbeitet habe. Wir mussten also eine Wochenendehe führen. Unter uns: Das ist gar nicht mal so übel. Man geht sich während der Woche nicht auf die Nerven – und jedes Wochenende fühlt sich wie ein kleines Liebesabenteuer an …

Wenn ich es vor lauter Sehnsucht nicht mehr ausgehalten habe, bin ich zudem auch werktags noch nach abendlichen Gemeindesitzungen in Frankfurt in einen ICE gesprungen, um aus dem römisch geprägten Kulturland ins barbarische Hochland Waldhessens zu fahren, wo die Germanen noch bis kurz vor der Renaissance in Bärenpelzen rumgelaufen sind. Nachts um 23.45 Uhr war das jeweils.

Entscheidend an diesem nächtlichen Zug war: Er musste pünktlich in Kassel sein, und zwar unbedingt, denn die Umstiegszeit zum allerallerallerletzten Zug Richtung Hofgeismar betrug nur wenige Nanosekunden, und ich wäre auf dem Kasseler Hauptbahnhof gestrandet, wenn ich ihn verpasst hätte. Eine Vorstellung, die in ihrem Schreckenspotenzial für mich knapp hinter »Ich wache bei einer OP auf« und »Zombies fressen meine Eingeweide« kam.

Eines Nachts war es trotzdem so weit: »Leider hat unser ICE derzeit eine Verspätung von 25 Minuten. Wir informieren Sie darüber, welche Anschlusszüge Sie noch erreichen«, verkündete die emotionslose Stimme eines Zugbegleiters. Ich wusste sofort: Meinen Zug würde ich nicht bekommen. Mein Alptraum drohte wahr zu werden. Also suchte ich den Schaffner, bemühte all mein Schauspieltalent und erklärte ihm mit tränenunterdrückter Stimme, in welches Armageddon mich diese katastrophale Verzögerung bringen würde. Ob er denn nicht bitten könne, dass der Anschlusszug auf mich wartet?

Und siehe da: Er konnte! Als ich mit zwanzig Minuten Verspätung am Kasseler Hauptbahnhof eintraf, stand dort der Regionalzug und wartete auf mich. Ja, auf mich allein! Ich sage Ihnen: Das war ein Gefühl … Erhobenen Hauptes stolzierte ich den Bahnsteig entlang, als läge dort ein roter Teppich. Es hätte mich nicht mal verblüfft, wenn mich ein Heer von Journalisten mit einem Blitzlichtgewitter empfangen hätte: Ich war der Brad Pitt der Reisenden. Der König der Deutschen Bahn. Seine Majestät Fabian I.

Bis ich aus dem offenen Fenster eines Abteils plötzlich folgenden Satz hörte: »Das ist also das Arschloch, wegen

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