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Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2017
Wie kommt Gott in die Welt?
Ein muslimisch-christliches Gespräch zum Advent
Der Inhalt:

WAS MIR DIE REFORMATION BEDEUTET: Nicht in seinem Namen

Ich lasse mich nicht konfirmieren«, sage ich, bemüht um einen ruhigen Ton. Die Mutter will gerade den Tisch abdecken und setzt sich wieder hin. Der Vater stopft sich umständlich die Pfeife. Als Erste findet die Mutter die Sprache wieder: »Was soll das denn wieder heißen? Bist du nun völlig verrückt geworden!« Der Vater nimmt den ersten Zug aus der Pfeife. »Darf man erfahren, aus welchem Grund?« – »Ich will mich nicht in einer Kirche konfirmieren lassen, die sich nach Luther nennt.« Pause. »Was hast du gegen Luther? Ohne ihn könntest du die Bibel nicht lesen«, sagt die Mutter. »Luther hat dazu aufgerufen, die Juden zu vernichten. Im Bauernkrieg stand er auf der Seite der Fürsten. Und er hat die Türken verteufelt und manche Frauen als Hexen beschimpft.«

»Woher willst du das denn wissen?!«, fragt die Mutter. »Herbert …«, sage ich. »Sein Vater ist doch SED-Funktionär, ein Hundertprozentiger«, unterbricht Vater. »Deshalb sind auch die Äußerungen des Sohnes etwas mit Vorsicht zu genießen. Und was Luthers Antijudaismus betrifft – der war den Nazis recht für ihre rassistische Politik, und jetzt passt er der DDR, um die Kirche schlechtzumachen …«

Nach einer Pause sagt die Mutter: »Kennst du jemanden, der weder zur Jugendweihe noch zur Konfirmation geht? Du setzt dich zwischen alle Stühle. Man muss die Kirche im Dorf lassen; Luther war auch nur ein Mensch, jeder hat seine Schattenseiten und Irrtümer …« - »Er ist seit über 400 Jahren tot«, fügt der Vater hinzu, »man kann ihn nicht für alles verantwortlich machen …«

»Du meinst den Krieg und die Konzentrationslager?«, frage ich. »Vor allem meine ich, dass die Kirche nicht nur Luther ist«, antwortet er. Ich sage: »Aber unsere heißt nach ihm