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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2016
Mit Feinden reden
Ex-Diplomat Michael Steiner über die Magie des Verhandelns
Der Inhalt:

»Ungerechtigkeit berührt mich«

von Andrea Döring vom 02.12.2016
Der Arzt Peter Uebel behandelt bei den Ludwigshafener »StreetDocs« Menschen, die nicht krankenversichert sind

Wer arm ist, stirbt früher. Das will ich ändern. Deshalb habe ich mit einigen Ärzten und Zahnärzten in Ludwigshafen die StreetDocs gegründet. Wir behandeln ehrenamtlich Menschen, die entweder nicht krankenversichert sind oder die sich, obwohl sie versichert sind, nicht in eine normale Sprechstunde trauen. Das war vor vier Jahren, 2012. 1500 Patienten konnten wir seitdem in unserer Praxis im Brennpunktviertel Hemshof helfen.

Heute kam ein Mann aus Polen, ein typischer Fall für unsere Kundschaft; männlich, obdachlos, stark alkoholabhängig und aus Osteuropa. In seine gelbe Decke gewickelt hatte er auf dem Berliner Platz geschlafen, bis ihn um drei Uhr nachts die Polizei geweckt und vertrieben hatte. Jetzt hatte er Magenweh und einer der letzten Zähne des 46-Jährigen schmerzte. Nachdem ich ihn behandelt hatte, zog ihm Hans Gärtner, mein Zahnarztkollege, den lockeren Backenzahn, packte ihn gut ein und gab ihn ihm mit. Vielleicht wegen der Behandlung, vielleicht auch wegen des Alkoholpegels konnte der Mann nicht deutlich sprechen und nicht geradeaus laufen. Er ging allein zu Fuß wieder auf die Straßen Ludwigshafens, dort lebt er. Eines sagt er uns zum Abschied aber doch, während er auf das Holzkreuz zeigt, das er am Armband trägt: »Danke und Gott segne euch!«

Aus der gleichen Quelle wie er schöpfe auch ich Kraft und Motivation. Ich war Messdiener in Frankenthal, ich bin überzeugter, kritischer Anhänger der katholischen Soziallehre. Und als sozialpolitischer Sprecher der Ludwigshafener CDU lege ich gern mal den Finger in die Wunde.

Doch ich bin kein Sozialromantiker. Mir liegt am Herzen, dass es in unserer Praxis auch Sozialarbeiter gibt. Unsere Hauptaufgabe ist, Menschen wieder ins System zu bringen. Wir bieten psychosoziale Versorgung, Krisenintervention, vermitteln Obdach. Oft geben wir den Menschen aber einfach etwas zu essen.

Der medizinische Fortschritt ist enorm. Ich will dafür sorgen, dass die Menschen am Rande der Gesellschaft ein Stück vom großen Kuchen abbekommen. Als Mediziner denke ich stets auch sozial. Wenn ich Patienten untersuche, höre ich oft auch von deren Sorgen um Partner, Familie, Job und Wohnung. Die Arbeit bei den StreetDocs in Ludwigshafen aber hat mir eine ganz neue Dimension eröffnet. Das hatte ich bis dahin nicht gekannt; eine Parallelwelt, in der die Uhren anders ticken.

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