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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2016
Mit Feinden reden
Ex-Diplomat Michael Steiner über die Magie des Verhandelns
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: »Da bin ich mittendrin«

von Eva-Maria Lerch vom 02.12.2016
Karina Scharmann (17) ist Messdienerin am Wetzlarer Dom. Wenn sie ihr Gewand anzieht, taucht sie in eine andere Welt ein

Im Advent tragen wir Lila. Und auch in der Fastenzeit, denn das ist die Farbe der Passion. Die grünen Gewänder sind für die normalen Sonntage im Jahreskreis bestimmt. Und an Weihnachten, Ostern und den anderen Hochfesten ziehen wir in roten Talaren in die Kirche ein. Wenn ich mein Messdienergewand anziehe, ist das immer auch wie ein Ausstieg aus dem Alltäglichen. Wie ein Eintauchen in eine andere Welt.

So ein Gewand besteht aus zwei Teilen: Zuerst ziehen wir den bodenlangen Talar in der jeweiligen liturgischen Farbe an. Und darüber das weite weiße Hemd, das »Rochette«. Der Schrank in der Sakristei ist voll von solchen Gewändern, denn wir brauchen sie in allen Größen: Die jüngsten Ministranten sind ja erst neun Jahre alt, und dann geht das durch alle Teenagergrößen bis zu den jungen Erwachsenen.

Meine Eltern haben mit der Kirche nicht viel am Hut, sie wundern sich oft, dass ich sonntags nicht ausschlafe, sondern lieber schon um acht Uhr aufstehen will, um im Gottesdienst zu ministrieren. Trotzdem haben sie mich, als ich noch in der Grundschule war, zum katholischen Kommunionunterricht und zur Erstkommunion begleitet. Damals habe ich gemerkt, dass ich gern in der Kirche bin. Und dass ich auch nach der Erstkommunion noch weiter in die Kirche gehen wollte. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dabei immer bloß still in der Bank zu sitzen und dem Geschehen da vorne zuzuschauen. Wenn schon, dann wollte ich live dabei sein und selbst was zu tun haben. Als Messdienerin habe ich selbst eine Rolle in dem Geschehen, da bin ich mittendrin! Hier vorn am Altar gibt es viel für uns zu tun, da ist immer was in Bewegung.

Nachdem wir uns angekleidet haben, stellen wir uns jeweils zu zweit vor dem Priester und der Lektorin auf und ziehen vor ihnen in die Kirche ein. Meist sind wir vier, bei großen Festen aber auch schon mal zwölf Ministranten. In den kurzen Minuten vor dem Einzug versuchen wir, uns gerade hinzustellen und ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Das ist oft richtig schwer, vor allem für die Kleinen. Als Oberministrantin versuche ich dann immer, ihnen nah zu sein und selbst etwas Ruhe auf sie abzustrahlen. Manchmal merke ich, dass es den Kindern auch guttut, wenn sie die klaren, vorgeschriebenen Wege im Altarraum beschreiten und ihre Zappeligkeit ablegen können. Beim Ministrieren kann man lernen, sich zu konzentrieren, ganz da zu sein. Es ist schwer, das zu beschreiben – die

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