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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2015
Mission Weltrettung
Was die Religionen zum Klimaschutz beitragen können
Der Inhalt:

Altlasten

vom 04.12.2015
Kolumne Von Fabian Vogt:

Ich sitze im Keller auf einer Umzugskiste. Ziemlich labile Angelegenheit. Gelegentlich muss ich schrecklich niesen, weil sich meine Allergie gegen Hausstaub meldet und diese »Untergrund-Aktion« viel aufwirbelt. Und wieder mal kein Taschentuch weit und breit. Nebenbei: Auch meine Augen tränen besorgniserregend. Nur weiß ich nicht, ob das von der Allergie kommt – oder davon, dass mich das Ausmisten vor dem Umzug so mitnimmt.

In der Hand halte ich nämlich Liebesbriefe. Auf kitschig-geblümten Papier. Die hat mir eine frühe Liebe geschrieben. Da waren wir beide noch Teenager. Ist lang her. Ich wusste nicht einmal mehr, dass ich die aufgehoben habe – aber plötzlich liegt ein ganzes Bündel davon in meiner Hand. Als ich einen der vielen Kartons aus der hinteren Kellerecke geöffnet habe, die da teilweise schon seit dem letzten Umzug stehen. Und dann wollte ich natürlich doch einen Blick hineinwerfen.

»Ich werde dich immer lieben!«, steht ganz oben auf dem Brief. Was für starke Worte. Stimmte aber nicht. Sie hat mich verlassen. Und ich habe unfassbar gelitten. Das weiß ich noch genau. Weil ich nicht glauben konnte, dass Liebe so einfach – mir nichts, dir nichts – aufhört.

Plötzlich, Jahrzehnte später, ist der Schmerz wieder da. Als wäre er nie weg gewesen. Nur abgelegt in irgendwelchen verborgenen Winkeln meines Herzens.

In Herzenskellerräumen.

Ich wühle lieber weiter in den Kartons, bevor mich die Erinnerung übermannt. Kurz darauf fällt mir ein vergilbter Artikel in die Hand. O Mann! Bei einem Nachwuchs-Band-Wettbewerb bin ich mal Zweiter geworden. Und eine Zeitung hat darüber geschrieben.

Auf dem Foto grinst mich eine pickelige Halbstarken-Version meiner selbst an. Mit E-Gitarre in der Hand. Wie stolz ich damals war! Wie bewegt. Wie euphorisch. An dem Abend habe ich zum ersten Mal ernsthaft überlegt, ob ich nicht Künstler werden soll. Wieder öffnet sich ein Herzenskellerraum.

Und dann finde ich auch noch den Brief einer Frankfurter Schulleitung, in dem meinen Eltern mitgeteilt wird, dass ich der Grundschule verwiesen werde. Weil ich auf eine Lehrerin mit einem Stuhl losgegangen bin. Als Neunjähriger. Sogar die damit verbundenen Ängste kommen wieder hoch. Zum Glück nicht nur die. Ich durfte nämlich auf der Schule bleiben. Weil sich die Lehrerin für mich einsetzte. We

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