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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2012
Das Christentum
Was wird, was bleibt?
Der Inhalt:

»Missbrauch der Religion«

von Johanna Jäger-Sommer vom 07.12.2012
Sind Religionen Brandbeschleuniger in den Konflikten im Nahen Osten? Fragen an den Historiker Michael Wolffsohn

Weshalb wirken die Religionen als Brandbeschleuniger in den Nahostkonflikten?

Michael Wolffsohn: Weil diese Konflikte immer noch einen zusätzlichen Legitimationsfaktor brauchen und der Legitimationsfaktor Religion immer auf Gott zurückgeführt wird. Das entzieht ihm die irdische Kontrolle und ist eine gute Motivationsgrundlage. Dabei wird übersehen, dass die Religion sich im Kern genau dafür nicht eignet, weil sie die höchsten ethischen Maßstäbe setzt, die über den jeweiligen irdischen sind. Wer für irdische Konflikte die Religion instrumentalisiert, kämpft nicht etwa für sie, sondern führt zur Perversion der Religion.

Sollte sich Religion aus der Politik heraushalten? Ist Religion Privatsache?

Wolffsohn:Nein, aber sie soll nicht Akteur der Politik werden. Die Religion muss Maßstab sein. In dem Augenblick, wo die Religion zum Akteur der Politik wird, verliert sie den Maßstab-Charakter, an dem man den Abstand und die Nähe zu der jeweiligen religiösen – sprich: ethischen und letztlich auch metaphysischen – Wirklichkeit messen kann. Oder um es in einem Bild zu sagen: Sie können die 22 Akteure auf dem Fußballfeld von der Tribüne oben beobachten, aber Sie können natürlich auch einer von 22 Spielern sein. Derjenige, der auf der Tribüne sitzt, hat den Überblick. Und das ist der Maßstab. Den muss die Religion bewahren.

Eine Theologie der Befreiung oder eine Politische Theologie ist für Sie nicht akzeptabel?

Wolffsohn: Ich sage es mal ganz traditionell: Die ethische und die literarische Substanz des Alten und des Neuen Testamentes ist in der Literatur und Ethik vom Mittelalter bis in die Moderne nicht wirklich erreicht worden. Ich muss nicht das Beste durch das nicht ganz so Gute ersetzen. Wenn man die Ethik und auch die literarische Qualität der Bibel, des Alten und des Neuen Testaments, zugrunde legt, fährt man nicht schlechter – um es zurückhaltend zu formulieren –, als wenn man zu modernen Autoren greift, die oft im Strom ihrer Zeit mitschwimmen.

Wie beurteilen Sie das Friedenspotenzial in allen Religionen?

Wolffsohn: In Bezug auf »alle Religionen« bin ich eher skeptisch, vor allem in Bezug auf den Islam. Bei aller politischen Zurückhaltung kann ich dieses Friedenspotenzial nicht wirklich erkenn

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