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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2012
Das Christentum
Was wird, was bleibt?
Der Inhalt:

Ein neues Zuhause für Rakan

von Claudia Mende vom 07.12.2012
In der evangelischen Schneller-Schule in Amman lernen Kinder, religiöse Unterschiede auszuhalten. Sie schmücken gemeinsam Weihnachtsbäume und feiern mit den Muslimen das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang

Heute gibt es Falafel. Ungeduldig zerren die Jungs die Weißbrote mit den braunen Kichererbsenbällchen aus einer riesigen Plastiktüte. Erzieherin Rita Dababneh füllt aus einem großen Blechkessel süßen schwarzen Tee in die Gläser. Dann sitzen alle auf ihren Stühlen. Teller und Besteck gibt es nicht, dafür aber zufriedenes Kauen.

Rakan und seine beiden Freunde haben sich an den Nachbartisch gesetzt. Verschämt halten sie Dosen mit Pepsi Cola vor sich. Vielleicht sieht die Erzieherin sie ja nicht. Aber Rita hat ihre Augen überall und kassiert die Dosen gleich. Pepsi am Abend, das geht nicht. Die Jungs nehmen es sportlich. Dann trinken sie die Cola eben morgen. Samstagabends kommen in der Theodor-Schneller-Schule in Amman die Internatsschüler aus dem Wochenende zurück. Im islamischen Jordanien gelten Freitag und Samstag als Wochenende. Bei den Jüngeren gab es einige herzzerreißende Szenen, als sich die Eltern verabschiedeten.

Aber Rakan ist ja schon zwölf, auch wenn er aussieht wie höchstens acht. Weinen würde er bestimmt nicht. Ein schmaler Junge mit schwarzen Haaren und wachen Augen. Sein Vater ist Palästinenser, die Mutter Jordanierin, beide sind Christen. Rakan gilt als Härtefall, weil seine Eltern am Existenzminimum leben. Die Mutter arbeitet als Wäscherin, der Vater ist krank und kann nur gelegentlich Getränke austragen. Weil Rakans Vater Palästinenser ist, lebt die Familie mit ihren drei Kindern in den Betonsilos des Flüchtlingslagers neben der Schule. Dort sind die Mieten wenigstens etwas günstiger als auf dem freien Wohnungsmarkt, wo die Preise explodieren. »Das Leben ist sehr teuer«, sagt Rakans Mutter Samar Suheir Issa Gammo, eine Frau um die dreißig in Jeans und T-Shirt mit tiefen Furchen im Gesicht. »Pampers und Milch für das Baby, Kleidung für die Kinder, manchmal weiß ich nicht, wie ich das alles bezahlen soll.« Staatliche Unterstützung für sozial Schwache gibt es nicht, nur eine kostenlose medizinische Versorgung für Kinder bis sieben Jahre.

Bei Schneller finden benachteiligte Kinder wie Rakan Zuflucht und manchmal sogar eine neues Zuhause. Denn Schneller ist nicht nur eine Schule. Schneller ist eine Institution und die einzige Chance auf eine kostenlose Berufsausbildung in ganz Amman. 1860 gründete der pietistische Lehrer Johann Ludwig Schneller von der schwäbischen

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