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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2012
Das Christentum
Was wird, was bleibt?
Der Inhalt:

Das leere Gefäß

von Ilka Scheidgen vom 07.12.2012
Wo Poesie und Religion sich berühren, findet sich Mystik. Dass der Theologe und Dichter Christian Lehnert sich ungeniert traut, über Gott, die Schöpfung, das Heilige, die Passion zu sprechen, verwundert und begeistert

Gerne bestätigt mir Christian Lehnert meinen Terminvorschlag für ein Gespräch, wenn es mir nichts ausmache, dass er ab und zu von seinen Kindern gestört würde, da seine Frau auf Konzertreise sei. Dieser Umstand, so schrieb ich zurück, würde sicher nicht zu einer Beeinträchtigung führen. Ganz im Gegenteil: So würde ich gleich ein wenig von seinem Privatleben kennenlernen. Ich bin neugierig auf einen jungen Lyriker und Theologen, der 1969 in Dresden geboren wurde und seine ersten prägenden Lebensjahre in der ehemaligen DDR erlebt hat. Wie kommt jemand in einem sozialistischen und atheistisch geprägten Land dazu, ein gläubiger Mensch zu werden und dies sogar zum Gegenstand poetischer Reflexionen werdenzu lassen? Mit diesen Fragen mache ich mich auf den Weg.

Angespornt, mich mit diesem jungen Lyriker intensiver auseinanderzusetzen, hatte mich, dass ein zeitgenössischer Dichter im deutschen Feuilleton dezidiert als religiöser Dichter beschrieben wird, und das durchaus ganz ohne Häme, vielmehr mit einem Anflug von Staunen, ja Bewunderung: »Seht her, es gibt sie doch, es gibt sie wieder – eine religiöse Dichtung!«

»Man darf ihn einen religiösen Dichter nennen«, schrieb Harald Hartung in seiner Besprechung des letzten Gedichtbandes »Aufkommender Atem« in der FAZ, und in der Zeitung »Freitag« nannte Michael Braun ihn sogar einmal einen »Nachfahren der Mystik«.

»Aufkommender Atem« (2011) ist Lehnerts fünfter Gedichtband. 1997 veröffentlichte der Suhrkamp Verlag seinen ersten Lyrikband »Der gefesselte Sänger«. Es folgten »Der Augen Aufgang« (2000), »Finisterre« (2002), »Ich werde sehen, schweigen und hören« (2004), »Auf Moränen« (2008). Die jeweiligen Titel der Gedichtbände sind zugleich Programm, führen hinein in den Kosmos des Dichters. Lehnerts Sprache ist von Anfang an verhalten, die Gedichte streng in ihrer Komposition, oft mit Reimen, hierin dem Kirchenlied ähnlich – eine poetische Verwandtschaft, die sicher nicht zufällig ist. Zugleich erinnern Lehnerts Verse an die Lyrik eines Rainer Maria Rilke aus seinem »Stundenbuch«, bei dem es sich ebenso wie bei den Gedichtbänden Christian Lehnerts um »geistliche« Lyrik – wenn auch im weitesten Sinne – handelt.

Trotzdem: Dass ein heutiger Dichter sich ungeniert traut, über Gott, die Schöpfung, das Heilige, die Passion, Golgatha, über Beten und Verzeihen oder vom »Spiegel in e

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