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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2012
Das Christentum
Was wird, was bleibt?
Der Inhalt:

Das Diktat der Millisekunde

von Norbert Copray vom 07.12.2012
Der Finanzkapitalismus und der zerstörerische Zeitstress

Friedhelm Hengsbach Die Zeit gehört uns Widerstand gegen das Regime der Beschleunigung. Westend. 284 Seiten. 19,99 €

Die Zeit eines Menschen verrinnt unwiederbringlich. Ist das der Antrieb, aus der Zeit mehr zu machen; mehr aus ihr herauszuholen und mehr in ihr zu erreichen? Wer glaubt, aus Zeit Geld machen zu müssen, glaubt auch, mehr von ihr zu haben. Das ist die subjektive Erlebnisseite einer Zeit, die bewirtschaftet, gemanagt, ökonomisiert wird.

Der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach sieht den tatsächlichen Urheber der »Beschleunigungsgesellschaft« in der Dynamik des Kapitalismus, vornehmlich des Finanzkapitalismus. Dieser sei zum Diktator der weltweiten Rhythmen, Abläufe, Tempi und Hetze aufgestiegen, so der Jesuitenpater. Zu seinen eigenen Gunsten treibe der Finanzkapitalismus den ökonomischen Globalismus voran.

Hengsbach versammelt in seinem neuen Buch Indizien, »Leidensgeschichten« und Hoffnungszeichen einer atemlosen Gesellschaft. Um sodann den taktgebenden Motor des Temposchubs zu analysieren: die Allgegenwart und Allzuständigkeit, die die Finanzmärkte erlangt haben, um »in Verbindung mit der Informations- und Kommunikationstechnik« ihre Vorherrschaft über die Welt, insbesondere über die Politik zu sichern.

Die auch symbolisch zu verstehende neue Zeiteinheit heißt Millisekunde. Und selbst in Bruchteilen dieser Zeiteinheit werden im computerbasierten Kapitalhandel Milliarden um den Globus gejagt. Mit hohen Risiken, die mitunter ganze Staaten und Volkswirtschaften in den Abgrund reißen. Der »Hochfrequenzhandel« signalisiert: Über wichtige Ereignisse wird bereits im Moment ihres Entstehens weltweit informiert. Folgehandlungen erfolgen automatisiert, ehe überhaupt das Ereignis abgeschlossen ist. Hier wäre der Begriff Kapital- oder Geldhektik angebracht. Der von dieser Dynamik ausgehende Dauerstress prägt nicht nur die sogenannten Märkte, sondern auch das Leben jedes Einzelnen bis in seine private Sphäre hinein. Ausgebranntsein ist nicht nur eine psychische, sondern auch eine ökologische Kategorie.

Der radikale Umbau der Gesellschaften, um sie für den Turbokapitalismus passend zu machen, findet seit den 1980er-Jahren statt. Die Finanzkrise führte, so Hengsbach, zu einem überstürzt eingeleiteten staatlichen »Management der Bankenkrise im Einvernehmen mit den Verursachern d

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