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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2012
Das Christentum
Was wird, was bleibt?
Der Inhalt:

Der Hartnäckige

von Benjamin Schuke vom 07.12.2012
»Zwangsarbeit ist unwürdig«, sagt der Philosoph Ralph Boes. Er hungerte einen Monat für die Abschaffung von Hartz IV

Der Philosoph und Ergotherapeut Ralph Boes hat 28 Tage lang nichts gegessen. Sanktionshungern nennt er das. Das Arbeitsamt kürzte ihm das Geld, weil er die Einwilligungserklärung nicht unterschreiben wollte, die ihn bindet, sich sozialversicherungspflichtige Arbeit zu suchen. »Ich möchte den Präzedenzfall schaffen«, sagt er. Sein Ziel ist es, mit dem Hungern in Karlsruhe eine Verfassungsprüfung der Hartz-Gesetzgebung auf die Tagesordnung zu bringen. Auch eine eigens für ihn umformulierte abgeschwächte Version der Einwilligungserklärung lehnte er ab. Das Amt zahlte dennoch die regulären 374 Euro. Erst als er dort auf die Gesetzeswidrigkeit hinwies, trotz fehlender Kooperation die volle Sozialhilfe zu erhalten, kürzte man ihm die Mittel. Binnen kurzer Zeit erhielt er nur noch 37,40 Euro Arbeitslosengeld.

Es gibt eine Ähnlichkeit zwischen dem Lächeln der buddhistischen Figur über der Spüle und jenem von Ralph Boes. Im Meditationssitz erklärt er in gedämpftem Tonfall, was er da macht. Herausforderungen seien da, um genommen zu werden, sagt der 55-Jährige. »Es geht mir besser, als ich dachte. Selbst bei Vorträgen bin ich nicht umgekippt. Die Leute bauen mich auf«, sagt er beschwingt. Nicht nur der große Zuspruch von vielen Seiten, auch die Hühnerbrühe trug zu einer gesunden Verfassung bei. Ab und zu isst er eine Zitrone, um keinen Skorbut zu bekommen.

Ein Laptop-Computer steht auf Boes’ Bett. Ein weiterer auf dem Fußboden. Die Wohnküche hat sich in eine Kampagnenzentrale verwandelt. »Die Wohnung bezahlt jetzt unsere Bürgerinitiative«, sagt der anthroposophisch geprägte Überzeugungstäter. Er kämpft mit einer Berliner Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Ralph Boes berichtet per Computer ständig aktuell von seinem Kampf für die Würde und die Entfaltung der Persönlichkeit in der Verfassung. »Wenn Sie sagen, Ärzte würden bei Gewährung des Grundeinkommens vielleicht nicht mehr arbeiten gehen, ist das unwahrscheinlich. Wer nicht mehr arbeitet, zeigt nur, dass er noch nie den richtigen Beruf hatte. Wäre der Lebensunterhalt gesichert, hätten diese Leute Zeit, ihren Weg zu finden«, sagt Boes. Seinen Traumjob habe er bereits: mit Vorträgen diese Idee zu verbreiten. Nach seinem Studium hat er 16 Jahre lang als Nachtwächter in einem Krankenhaus gearbeitet.

Als er in den Neunzigern Vater wurde, begann sein Kampf mit dem damaligen Arbeitsamt. »Meine Freundin

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