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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2021
Am Ende helles Glück.
Wie lassen sich Nahtoderfahrungen deuten?
Der Inhalt:

Eine Frauenzelle in Moskau als Fenster in die russische Gesellschaft

von Gunhild Seyfert vom 19.11.2021
Autorin Kira Jarmysch arbeitete für den russischen Oppositionellen Alexej Navalny. (Foto: istockphoto/clu)
Autorin Kira Jarmysch arbeitete für den russischen Oppositionellen Alexej Navalny. (Foto: istockphoto/clu)

Roman. Nachdem sie in Moskau an einer nicht genehmigten Demonstration gegen Korruption teilgenommen hat, findet sich die Studentin Anja Romanowa in einer Gefängniszelle wieder. Zunächst bleibt die 28-Jährige optimistisch: »Zehn Tage Arrest waren eine winzige Haftdauer, Anja wollte sie bis ans Ende ihres Lebens als amüsantes Missverständnis betrachten. Sie war ein Fremdkörper in der Arrestanstalt und hatte nichts mit den Inhaftierten gemein.« Doch es kommt anders. In der engen Gemeinschaftszelle sitzen bereits fünf Frauen, die zur Unterschicht gehören und wegen Ordnungswidrigkeiten im Knast sind. Anja ist hier die einzige »Politische« und wirkt angesichts der verbreiteten Rechtlosigkeit und Ohnmacht zunächst naiv. Die unterschiedlichen Lebensgeschichten der Frauen, ihre Gespräche und Streitereien wirken wie Fenster in die Gesellschaft des heutigen Russland. Da gibt es Frauen, die Feministin werden, genauso wie treue Putin-Wählerinnen und Stalin-Verehrer.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 22/2021 vom 19.11.2021, Seite 55
Am Ende helles Glück.
Am Ende helles Glück.
Wie lassen sich Nahtoderfahrungen deuten?

Der Roman trägt autobiografische Züge, denn die Autorin Kira Jarmysch hat als Sprecherin des bekannten Oppositionellen Alexej Nawalny gearbeitet. Als dieser im Frühjahr 2021 aus Deutschland nach Russland zurückkehrte, wurde Jarmysch wegen Aufrufs zu Demonstrationen festgenommen. Heute lebt sie im Exil »irgendwo in Europa«, wo sie sich »sicher fühlt«. In ihrem Debüt arbeitet sie mit den Stilmitteln der Untertreibung und der Groteske. So ist der Roman unterhaltsam, heiter-komisch und erhellend. Im Original, das in einem regimekritischen Verlag erschien, lautet der Titel »Unglaubliche Geschehnisse in der Frauenzelle Nr. 3«. Auf Deutsch erscheint er unter dem Titel »DAFUQ«, lautmalerisch Kürzel für »What the fuck«. Das ist schade, denn dieser Roman bietet mehr, als der Titel verspricht.

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