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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2018
Gott, mein Therapeut
Religion stärkt. Aber warum?
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Bitte nicht nichts

Das Schenken ist eine ambivalente Sache. Wir ärgern uns über Teenager, die trotzig verkünden, sie gingen »nur wegen der Geschenke« in den Konfirmandenunterricht. Doch den Umschlag mit den Scheinchen, die tolle Uhr und den Zuschuss zum Mountainbike überreichen wir wirklich von Herzen gern. Egal, ob der jugendliche Mensch den schönen Psalm 23 vielleicht erst später schätzen lernt. Oder nie. Richtig so. Ein Dankeskärtchen muss aber sein.

Schenken ist ein Ritual. Ein komplizierter Gesellschaftstanz, der zu hohen Festtagen vollführt wird: Geburtstag. Konfirmation. Hochzeit. Weihnachten. Heikle Fragen drängen sich zwischen Stoffband und Sternchenpapier. Beziehungen werden austariert. Wer steht wie zu wem? Wer schenkt wie großzügig? Warum? Wer ist kreativ, wer stoffelig, wer meint es gar zu gut? Muss es immer das ganz teure Lego sein? Muss es überhaupt immer so viel sein? Der Philosoph Jacques Derrida hat darin eine Paradoxie gesehen: Die Idee einer »Gabe« in Reinform schließe die Erwartung einer »Gegengabe« aus, und doch sei sie ohne diese Erwartung praktisch undenkbar. Schwierige Sache. Aber es gibt eine einfache Lösung – zumindest für Volljährige: »Stephan und ich, wir schenken uns diese Weihnachten nichts«, sagt meine Freundin Jule. Konsumterror braucht schließlich kein Mensch. Die Wohnung quillt über vor Kram. Und Geld ist auch keins da, die neue Duschkabine im Oktober hat ganz schön reingehauen. Immer mehr Leute machen es genauso, ergab eine Umfrage der Online-Partnervermittlung Parship. Demnach bleibt der Gabentisch bei jedem sechsten Paar leer. Wie abgeklärt und reif!

Ich schäme mich ein bisschen. Ich werde nämlich gern beschenkt, meine Volljährigkeit hat da rein ga