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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2014
Bildung statt Bologna!
Was die europäische Studienreform angerichtet hat
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Ich tue es wieder«

von Melanie Gärtner vom 21.11.2014
Im Boot über das Mittelmeer: Joelle Zogo wollte nach Europa gelangen. Doch bei dem Versuch wäre beinahe ihr Kind ertrunken

Hättest du mir vor drei Jahren gesagt, ich würde mal in einem Schlauchboot aufs Meer fahren, hätte ich gelacht. Hättest du mir gesagt, ich würde mein kleines Baby mitnehmen, hätte ich dich entsetzt angeschaut. Und hättest du mir gesagt, ich würde mein Kind dabei ins Wasser fallen lassen, hätte ich dich wahrscheinlich für verrückt erklärt. Heute habe ich all diese Dinge getan. Wahrscheinlich werde ich sie wieder tun. Denn im Moment weiß ich nicht, was wir sonst tun können.

Ich bin 26 Jahre alt und komme aus Kamerun. Viele sagen, Kamerun sei ein friedliches Land mit fruchtbarer Erde. Es stimmt, Krieg oder Hunger sind nicht unser Problem. Aber für uns junge Leute gibt es keine Arbeit. Ich habe Jura studiert und eine Ausbildung im Zollwesen gemacht. Nach meinem Abschluss habe ich mich überall beworben. Nichts. Ich habe es immer wieder versucht. Es war zum Verzweifeln. Wenn du keinen einflussreichen Verwandten hast, der dir einen Job zuschustert, kannst du es vergessen. Irgendwann habe ich im Fernsehen eine Reportage über eine Kamerunerin gesehen, die zwischen Afrika und Europa Handel treibt. Das fand ich toll. So wollte ich auch sein. Stark. Und selbstbestimmt. Eine richtige Businessfrau eben.

Als ich nach einigen Monaten immer noch keine Arbeit gefunden hatte, fasste ich einen Entschluss und erzählte meiner Mutter von meinem Plan. Sie arbeitet in der Kakaoproduktion. Nach dem Tod meines Vaters hat sie mich und meine fünf Geschwister alleine großgezogen. Sie sagte, sie habe alles getan, was in ihrer Macht stünde. Wenn ich in Kamerun keine Zukunft für mich sehe, dann sei sie einverstanden, dass ich mein Glück woanders suche. Sie gab mir Geld, und ich fuhr los.

Von der kamerunischen Küste nahm ich ein Boot nach Nigeria. Dort fuhr ich mit dem Bus bis nach Niger. Das war schon nicht einfach. Ich hatte mein Geld in meine Rastazöpfe eingeflochten, damit man es mir nicht stehlen konnte. Und trotzdem: Jeder, der merkt, dass du fremd im Land bist, versucht dir Geld aus der Tasche zu ziehen. In Niger hatte ich alles aufgebraucht und musste warten, dass meine Mutter mir noch etwas schickte.

Ich lernte eine Gruppe junger Männer kennen, die auch auf dem Weg nach Europa war. Einer von ihnen war Dipita. Wir beschlossen, gemeinsam zu reisen, und wurden ein Paar. Mit dem Geld meiner Mutter zogen wir weiter nach Algerien und kamen in die Stadt Maghnia. Das war

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