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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2014
Bildung statt Bologna!
Was die europäische Studienreform angerichtet hat
Der Inhalt:

Bildung statt Bologna!

von Barbara Tambour, Eva Bucher vom 21.11.2014
Für den Hamburger Universitätspräsidenten Dieter Lenzen riecht das heutige Bachelor-Studium nach »Truppenversorgung und Zwangsernährung«. Er wünschtsich von Universitäten viel mehr

Publik-Forum: Wann haben Studenten im Studium mehr gelernt: Ende der 1960er-Jahre, als Sie studiert haben, oder heute, 15 Jahre nach Beginn der Europäischen Studienreformen, die unter dem Namen »Bologna-Prozess« bekannt sind?

Dieter Lenzen: Es geht nicht um mehr oder weniger, sondern darum, wie sie gelernt haben. Die Idee des Studiums in den 1960er- und 1970er-Jahren war, zu sagen, dass der junge Mensch selber wählt aus den großen Möglichkeiten des Angebots. Heute haben wir einen ganz anderen Zugang. Weil das ganze Prüfungsgeschehen nun studienbegleitend stattfindet, wurden immer mehr standardisierte Sachverhalte in den Lehrplan eingebaut, damit man vergleichbare Prüfungen und vergleichbare Ergebnisse hat. Die Studiengänge orientieren sich an Inhalten, die vergleichbar und messbar sind. Einheitlichkeit läuft aber dem Grundgedanken allgemeiner Bildung zuwider. Denn Bildung heißt Herausbildung einer mit sich – und nicht mit allen anderen – identischen Persönlichkeit.

Sie kritisieren das Bologna-System. Was ist falsch daran?

Lenzen: Der Kern des Problems besteht darin, dass man die angloamerikanische Vorstellung von Bildung und Ausbildung nach dem Schulabschluss auf unsere Universitäten übertragen hat. Und dabei übersehen hat, dass wir in Deutschland – im Unterschied zu den USA und zu Großbritannien – ein gut funktionierendes System von Berufsschulausbildung für Handwerksberufe, medizinisch-technische Berufe und andere haben. Was bei uns im dualen System stattfindet, hat in Großbritannien seinen Ort an Colleges und Universitäten. Das englische System hat mit unserem wissenschaftlich geprägten Universitätssystem mit Ausnahme ganz weniger Universitäten – Cambridge, Oxford und ein paar anderer – überhaupt nichts zu tun. Im englischen System studiert der Surf Manager, der ausgebildet wird, um Surfbrett-Kurse am Strand anzubieten, am College.

Ziel der Bologna-Reform war es, international akzeptierte Abschlüsse zu schaffen, die Qualität zu verbessern und mehr Beschäftigungsfähigkeit zu vermitteln. Klingt doch gut. Was ist schiefgelaufen?

Lenzen: Ziemlich viel: Man hat versäumt, über den europäischen Tellerrand hinauszuschauen. Mit der Folge, dass europäische Bachelor-Absolventen an US-amerikanischen Universitäten in der Regel keinen Master be

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