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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2013
Konzerne im Klassenzimmer
Wie die Wirtschaft Einfluss auf die Schule nimmt
Der Inhalt:

»Ich simuliere doch nicht!«

von Annette Lübbers vom 22.11.2013
Cora W. (58) leidet im wahrsten Sinne des Wortes an ihrer Umwelt. Aber nur wenige Ärzte erkennen ihre Krankheit an

Meistens sage ich, dass ich hyperallergisch bin. Damit können die meisten etwas anfangen. Tatsächlich leide ich aber an Multipler Chemikalien-Sensibilität (MCS), einer Sensibilität gegenüber chemischen Stoffen in minimaler Dosierung, die zu den chronischen Multisystemerkrankungen gehört. MCS hat dafür gesorgt, dass ich meinen Beruf nicht mehr ausüben kann!

Wir sind umgeben von Produkten der chemischen Industrie, aber die meisten Menschen reagieren nur sehr langsam oder gar nicht auf die Substanzen, die sie einatmen, einnehmen oder anfassen. Bei mir ist das anders. Viele Tausend Stoffe des Alltags haben auf mich eine verheerende Wirkung: Ich stehe im Bus, rieche Nagellack, Parfüm oder Rasierwasser, und mir wird schlecht. Im Haus nebenan grillen die Nachbarn, und der Geruch des Grillanzünders führt bei mir zur Ohnmacht. Die Waschmittelabteilung im Supermarkt kann ich nicht betreten, weil die in Waschmitteln verwendeten Chemikalien bei mir Kopfschmerzen oder Schwindel auslösen. Kürzlich begegnete mir ein Joggerpärchen im Wald – beide in eine chemische Duftwolke gehüllt. Ich habe mich sofort abgewandt, trotzdem wurde mir schlecht. Selbst Biogemüse muss ich waschen und schälen, bevor ich es essen kann. Und in Hotelzimmern kann ich nicht schlafen, weil die Wäsche chemisch behandelt ist. Mein Alltag ist eine ständige Suche nach Produkten, auf die mein Körper nicht reagiert.

Ich war schon immer ein kränkliches Kind. Dennoch führte ich früher ein halbwegs normales Leben – bis zu meinem Zusammenbruch vor zwölf Jahren. Meine Knochen und Muskeln schmerzten, ich hatte ständig Fieber und war unglaublich erschöpft. Meine Hausärztin erklärte, ich hätte entweder eine starke Depression oder sei eine Simulantin. Sie verschrieb mir Antidepressiva, danach arbeitete mein Kopf auf Hochtouren, aber körperlich war ich halb tot.

Damals hörte ich zum ersten Mal von sogenannten Umwelterkrankungen. Also ließ ich meine Wohnung analysieren: Die Experten fanden versiegelte Spanplatten auf dem Boden, Schimmelpilze hinter den Tapeten, PCP-Belastung im Ledersofa. Anscheinend reagierte mein Körper auf chemische Verbindungen. Aber meine damalige Hausärztin erklärte noch immer: »Ihre Krankheit gibt es nicht, Sie leiden unter Einbildungen.« Viele Ärzte behandeln mich wie ein rohes Ei, aber ich weiß, dass viele denken: »Das ist doch alles psychosomatisch«, oder: »Die simuli

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