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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2013
Konzerne im Klassenzimmer
Wie die Wirtschaft Einfluss auf die Schule nimmt
Der Inhalt:

Es zählt nur, wer sich rechnet

von Alexander Dietz vom 22.11.2013
Arbeitsagentur, Schule, Universität: Das Diktat der Ökonomie und der schwierige Widerstand der Kirchen. Ein Zwischenruf

Es war vor zehn Jahren, als der damalige Bundespräsident Johannes Rau vor einer zunehmenden »Ökonomisierung« der Gesellschaft warnte: »Wir müssen aufpassen, dass nicht unser gesamtes gesellschaftliches Leben in allen Bereichen immer mehr nach den Mustern von Wirtschaftlichkeit und Effizienz geprägt wird. ›Bilanz‹, ›Kapital‹, ›Ressource‹: Das sind Begriffe, die in der Wirtschaft unverzichtbar sind. Aber sie gehören nicht in jeden anderen Lebensbereich. Sonst wird selbst in Familien, in Partnerschaften und bei Kindern gerechnet: Was kostet mich das, was bringt mir das?«

Die Warnung war offenbar vergeblich. Wie weit diese Ökonomisierung auch in öffentlichen Institutionen bereits fortgeschritten ist, beweisen die Enthüllungen über die Bundesagentur für Arbeit. Ein Bericht, der der Presse zugespielt wurde, weist nach, dass Mitarbeiter der Arbeitsagenturen bundesweit nicht das tun, was sie nach dem gesetzlichen Auftrag ihrer Behörde tun müssten: nämlich Arbeitslosigkeit vermeiden und verkürzen und insbesondere diejenigen unterstützen, die viel Unterstützung nötig haben.

Stattdessen suchen viele Mitarbeiter ausschließlich Jobangebote für solche Bürger, die leicht und schnell vermittelbar sind. Die Profile der anderen werden potenziellen Arbeitgebern erst gar nicht zugänglich gemacht oder einfach aus dem System gelöscht. Wenn sich diese nicht von sich aus wieder melden, verschwinden sie aus der Statistik. Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen für Langzeitarbeitslose werden nur Kurzzeitarbeitslosen genehmigt. Dafür werden Langzeitarbeitslose in sinnlose Weiterbildungsmaßnahmen geschickt, damit sie nicht mehr als Langzeitarbeitslose gezählt werden.

Wie ist es dazu gekommen, dass sich viele Mitarbeiter der Arbeitsagenturen so verhalten? Ihre Vorgesetzten verlangen es von ihnen, weil sie Boni erhalten, wenn sie bestimmte statistische Zielvorgaben erreichen. Wenn es nur um Zahlen geht, finden sich schon kreative Möglichkeiten, um »aussichtslose« Fälle aus der Statistik zu entfernen und stattdessen die Zahl der erfolgreich Vermittelten zu erhöhen.

Man könnte nun argumentieren, dass die Institutionen einfach nur ihre Zielvorgaben verändern müssten – und schon kämen die tatsächlich gewünschten Ergebnisse heraus. Doch das Problem liegt darin, dass auch in Behörden längst das Diktat privatwirtschaftlicher Managementtechniken gilt: v

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