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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2013
Konzerne im Klassenzimmer
Wie die Wirtschaft Einfluss auf die Schule nimmt
Der Inhalt:

Die Blume aus Stein

von Melanie Gärtner vom 22.11.2013
Sein Atelier zieht Trauernde aus ganz Deutschland an. Sie können ihrem Schmerz eine Form geben. Ein Besuch bei dem Bildhauer Joachim Kreutz

Tack, tack, tack. In gleichförmigem Rhythmus bohrt sich der Meißel in den Stein. Bildhauer Joachim Kreutz sitzt gebeugt, vertieft in die Bewegung, in das unaufhörliche Abplatzen der Splitter. Einmal in den Stein geschlagen, lässt sich seine ursprüngliche Form nie wieder herstellen. Die Wirkung des Hammers ist unumkehrbar. Endgültig. So wie der Tod.

Joachim Kreutz fährt mit der Hand über die Fläche, die unter seinem Hämmern entstanden ist, und klopft sich den feinen Staub von den Ärmeln. »Wenn man einen Stein bearbeitet, ahmt man mit jedem Schlag den Prozess des Todes nach«, sagt er »Was einmal abgeschlagen ist, kommt nicht wieder. Und doch entsteht aus der Zerstörung heraus etwas Neues. Das ist das Heilende an diesem Prozess.« Joachim Kreutz ist Bildhauer und hilft Hinterbliebenen dabei, ihre Trauer über die verlorene Person in der Arbeit am Stein zu bewältigen.

Sein Atelier liegt im ländlichen Idyll von Niederursel, einem Stadtteil von Frankfurt am Main, in dem Traktoren über die Feldwege tuckern und die Leute sich unbeeindruckt zeigen von der Hektik der geschäftigen Innenstadt. Auf der Werkbank liegen begonnene Arbeiten. An der Wand gegenüber ein Regal mit Entwürfen für die Denkmäler verstorbener Menschen. Joachim Kreutz lässt seinen Blick über die Miniaturen schweifen, greift zu einer der Figuren und nimmt sie vorsichtig aus dem Regal. Die Form ist geschwungen, ähnlich einer Menschengestalt, aus ihrem Rücken formen sich Flügel. In einem anderen Modell sind zwei Figuren zu erkennen, die in ihrer Mitte eine Perle bergen.

»Dies ist eine Form, wie sie oft bei Eltern entsteht, die ein tot geborenes Kind betrauern«, sagt Joachim Kreutz. »Im Zentrum bildet sich etwas Kleines mit meist rund-organischer Gestalt. Darum herum erwächst eine größere Form, das die kleine einbettet. Hier stellen sich die Eltern oft intuitiv mit dar, so als wollten sie ihre Kostbarkeit schützen.« Der blonde Künstler setzt die kleine Figur vorsichtig zurück an ihren Platz. »Das sind Darstellungen, die bei trauernden Eltern immer wieder vorkommen. Es scheint eine Logik hinter der Formensprache der Trauer zu geben.«

Joachim Kreutz, geboren 1954, ist groß und hat die starken Hände eines Steinbildhauers. Doch seine Augen sind weich und aufmerksam. Welche heilende Kraft in der gestalterischen Arbeit liegt, verstand er, als er einem Freund dabei half, den Grabstein für sein

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