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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2012
Leben gegen die Angst
Die Gesellschaft ist gelähmt. Doch die Kirchen nutzen ihre Kraft nicht
Der Inhalt:

»Wir taten Senf aufs Brot«

von Barbara Brüning vom 23.11.2012
Lilo Günzler (79) hat als Kind einer jüdischen Mutter die Nazi-Zeit überlebt. Erst nach sechzig Jahren bricht sie ihr Schweigen

Sechzig Jahre habe ich geschwiegen. Niemand wusste, dass ich zur Hälfte Jüdin bin, niemand wusste, was ein Geltungsjude oder Mischling ersten Grades ist. Dabei sind das die Wörter gewesen, die für mich das Ende der Kindheit bedeutet haben.

Ich bin 1933 als Kind einer jüdischen Mutter geboren und in Frankfurt aufgewachsen. Als ich in die Schule kam, sagte sie zu mir: »Wenn dich jemand fragt, dann musst du sagen, dass du Mischling ersten Grades bist.« Ich habe das erst gar nicht verstanden. Es hieß, ganz anders zu sein als alle anderen. Zum Beispiel durften Juden kein Radio besitzen. Einmal morgens kamen zwei Männer in Uniform in unsere Wohnung und nahmen das Radio einfach mit. In der Schule wurden wir aber jeden Morgen nach den neuesten Sondermeldungen gefragt. Ich hab mich immer ganz klein gemacht, um nicht gesehen zu werden. Die Angst, irgendwie aufzufallen, war ständig da.

Im Februar 1945 wurden meine Mutter und mein Bruder nach Theresienstadt abtransportiert. Mein Vater war beim Volkssturm. Ich blieb ganz allein in der ausgebombten Stadt, in der es keine Kinder mehr gab, zurück. Alle nichtjüdischen Kinder waren aufs Land geschickt worden. Und die jüdischen waren alle abtransportiert worden.

Als dann alles vorbei war und meine Mutter und mein Bruder – mit seinen vierzehn Jahren auf 27 Kilo abgemagert – zurückkamen, da wollte ich es nur noch genießen, normal zu sein. Endlich dazugehören! Meinen Kindern wollte ich eine normale, fröhliche Mutter sein und sie nicht mit Erinnerungen belasten. Im Übrigen war ich ja auch katholisch. Meine Mutter hatte uns taufen lassen, weil eine Nachbarin ihr gesagt hatte: »Ihr müsst euch taufen lassen oder auswandern.«

Ich habe erst angefangen, über diese Zeit zu reden, als mein Mann gestorben war und die Kinder aus dem Haus waren. Da wurde von der Gemeinde hier in Schwanheim eine Reise nach Israel veranstaltet. Kurz nach dem Krieg hatten wir überlegt, dorthin auszuwandern. Meine Mutter hatte es uns wie ein Paradies ausgemalt, also wollte ich das unbedingt einmal sehen. Obwohl ich auch sehr aufgeregt war. Ich hab mich dann erst mal unserem Pfarrer anvertraut. Der war der Erste, der von meiner Geschichte erfahren hat. Er hat es erst einmal für sich behalten, weil ich ihn darum gebeten hatte.

Doch dann begann das Eis zu brechen. 2005 gab es hier in Schwanheim eine Feier »60 Jahre Kri

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