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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2012
Leben gegen die Angst
Die Gesellschaft ist gelähmt. Doch die Kirchen nutzen ihre Kraft nicht
Der Inhalt:

Gekapertes Leben

von Anke Schwarzer vom 23.11.2012
Seeleute, die Opfer von Piraten werden, stehen am Ende oft ohne Hilfe und Heuer da. Und die Angst segelt immer mit

Ein Seemann aus der Ukraine klopft am Abend an die Bürotür der Deutschen Seemannsmission in Lomé, der Hauptstadt von Togo. Er will Geld für ein Bier an der Theke wechseln. »Als ich ihm danach eine gute Nacht wünsche, rutscht dieser Bär von einem Mann plötzlich die Wand herunter«, berichtet Generalsekretärin Heike Proske, die bis 2009 die Station in dem afrikanischen Land geleitet hat. Seit einiger Zeit seien die Nächte für ihn alles andere als gut, erzählt der Mann auf dem Boden kauernd. Sein Sohn sei von somalischen Piraten entführt worden, er habe keinen Kontakt mehr zu ihm. Seine Frau in der Ukraine stehe vor einem Nervenzusammenbruch. Und nun solle auch noch sein eigenes Schiff die somalische Küste entlangfahren. Die Angst ist groß. Von der Reederei des Sohnes erhält er keine Auskunft. »Die kümmern sich nicht darum.«

Bei den Diskussionen um freie Handelswege, Aufrüstung an Bord und deutsche Militäreinsätze auf fernen Ozeanen gerät die Situation der Seeleute leicht aus dem Blick. Sie kommen meist aus armen Ländern wie Bangladesch oder von den Philippinen. Eine Bewaffnung der Seeleute oder bewaffnete Kräfte an Bord würden die Sicherheit der Mannschaft gefährden, sind sich Seemannsmissionen, Gewerkschaften und Seerechtsexperten wie Doris König von der Bucerius Law School in Hamburg einig. Nichtsdestotrotz plant die Bundesregierung den Einsatz bewaffneter Kräfte auf deutschen Schiffen. Ein Gesetzesentwurf zur Zulassung privater Bewachungsunternehmen liegt bereits vor.

Indische Seeleute befahren das Arabische Meer in Richtung Golfstaaten und Ostafrika. Sie werfen Fischernetze aus oder transportieren Schuhe, Autos, Handtaschen, Motoren, Zucker und andere Güter. Aus Somalia bringen sie billige Holzkohle mit. Ihre Dhaus, traditionelle Holzschiffe, wurden schon mehrfach entführt und als sogenannte Mutterschiffe eingesetzt. Von diesen Dhaus als Basis aus greifen die Piraten Containerriesen mit Schnellbooten an.

In Salaya, einer Hafenstadt im nordindischen Bundesstaat Gujarat, leben Besatzungsmitglieder der Dhau HudHud, die von somalischen Piraten entführt und erst nach zwei Überfällen auf große Schiffe freigelassen wurden. Dann standen sie da – ohne das zuvor verdiente Geld, ohne Kleider, Schuhe, Essen. Die HudHud soll Ostern 2010 bei der Kaperung des deutschen Frachters

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