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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2012
Leben gegen die Angst
Die Gesellschaft ist gelähmt. Doch die Kirchen nutzen ihre Kraft nicht
Der Inhalt:

Ohne ihn

von Matthias Morgenroth vom 23.11.2012
Was sagst du einem geliebten Menschen,wenn du erfährst, dass er sterben wird? Und wie weiterleben, wenn er gestorben ist?

Aber ich lebe!«, sagt er. »Dieses Gefühl war sofort da, an dem Morgen, nachdem der Chirurg ihn über Jürgens gesundheitlichen Zustand informiert hatte.« … Traugott lebt. Sein Mann Jürgen ist mittlerweile tot. Krebs. Inkurabel. »Jetzt bin ich schwuler Witwer.« Nichts, was leicht über die Lippen geht. »Wie das klingt!« Man erntet schräge Blicke. Oder doppeltes Mitleid. Wir sitzen bei Salat und Bier in einer Münchner Bar. Quicklebendig also. Doch der Tod sitzt mit am Tisch. Die Erinnerung an Jürgen, an sein Sterben. Und die große Frage schwebt unausgesprochen über uns. Was sagst du, wenn es nichts mehr zu sagen gibt? Was sagst du deinem Partner, wenn du erfährst, dass er sterben wird? Prognose eineinhalb Jahre, kann auch weniger sein … Unvorstellbar. »Ich empfand es wie eine persönliche Beleidigung«, erzählt Traugott. »Eineinhalb Jahre sollte er nur noch haben! Auch ich fühlte mich auf geradezu unanständige Weise verletzt, obwohl es doch Jürgen ans Leben ging.« Erst mal habe er nichts gesagt, damals, am Krankenbett in der Klinik, erinnert sich Traugott. Der Arzt wollte es selbst tun.

Was sagt ein Arzt, wenn er eigentlich nichts mehr zu sagen hat? Birgit Haberland arbeitet als Ärztin auf der Palliativstation im Münchner Großklinikum Großhadern, in diesem riesigen Betonriegel am Rande der bayerischen Landeshauptstadt. Ganz hinten, in einem leicht abgesonderten Flügel ist die Palliativstation untergebracht. Wer hier liegt, ist nicht zur Genesung da. »Möglichst nicht um den heißen Brei herumreden.« Birgit Haberland spricht überlegt und klar. »Stattdessen sagen: Wir müssen ein Gespräch führen, möchten Sie jemanden dabeihaben? Dann einen stillen Raum finden. Dann es aussprechen: Wir können ihnen nichts mehr anbieten, was die Erkrankung aufhält.« Man lernt es nicht, sagt sie. Im Medizinstudium ist nicht vorgesehen zuzugeben, dass auch der Mediziner einmal am Ende seiner Weisheit ist. Solche Gespräche zu führen lernt man nur von Vorbildern, erfahrenen Kollegen.

Seit mehr als zehn Jahren betreut Birgit Haberland als Ärztin Menschen, die bald sterben werden, mittlerweile ist sie längst selbst Vorbild für junge Kollegen geworden. Doch, es sei schöne Arbeit, sagt sie, auch wenn sich das die meisten nicht vorstellen können. Sie macht aus »hoffnungslosen Fällen« Menschen, die wieder Hoffnung haben, sagt sie – auch wenn es nur die Hoffnung ist, die letzten Tage gut und schmerzfrei leben zu können. S

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