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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2012
Leben gegen die Angst
Die Gesellschaft ist gelähmt. Doch die Kirchen nutzen ihre Kraft nicht
Der Inhalt:

Doktor Maus

von Thomas Becker vom 23.11.2012
Der Insolvenzverwalter hat Einsicht in Akten und Seelen. Für viele Menschen, die mit ihrem Unternehmen scheitern, ist es wenig hilfreich, Schuld mit Schulden gleichzusetzen

Ein Geschäftsbüro irgendwo in Rheinland-Pfalz. Wenn Blicke töten könnten, würde die Dienstbesprechung heute wohl ein böses Ende nehmen: »Der Alte«, wie ihn seine Schwiegertochter abfällig nennt, sitzt mit versteinerter Miene am Schreibtisch. Vier Jahrzehnte hat er den Familienbetrieb erfolgreich geführt.

Vor anderthalb Jahren allerdings hat er das Zepter an seinen Sohn abgegeben. Ein verhängnisvoller Fehler, wie er heute sagt. Das Unternehmen, in das er so viel Herzblut gesteckt hat, geriet in Schieflage und hat zwei Wochen zuvor Insolvenz angemeldet.

Seitdem ist sein Sohn krank. Burn-out, Herzattacken. Der Vater hat die Geschäftsführung wieder übernommen. Er ist der Ansicht, er halte den Kopf für das hin, was Sohn und Schwiegertochter verschuldet hätten. Binnen kürzester Zeit hätten sie das Unternehmen ruiniert, durch Missmanagement und private Geldentnahmen. Die beiden dagegen sind der Ansicht, dass sie vom Vater einen maroden Betrieb übernommen haben. »Da war nichts zu retten«, sagt die Schwiegertochter, die wie alle hier lieber anonym bleiben möchte.

Es rumort, es brodelt in der Familie, im Unternehmen, in der Belegschaft. Es erinnert alles an den Roman »Die Buddenbrooks« von Thomas Mann: gegenseitige Anschuldigungen, Intrigen, zerplatzte Träume, der Niedergang einer Kaufmannsfamilie, die einst angesehen war in der Kleinstadt.

Doch die Geschichte in Rheinland-Pfalz hat einen weiteren Akteur, der an diesem Vormittag mit am Tisch sitzt: Wolfgang Maus heißt er. Der 57-Jährige ist Insolvenzverwalter, Mediator und systemischer Coach. Seit zwei Wochen hat der promovierte Rechtsanwalt das Kommando im Unternehmen übernommen, um es zu sanieren.

»Doktor Maus« nennen ihn alle hier, und es klingt respektvoll, wie sie das sagen. Ja, er ist einer, dem sie vertrauen, auch in der Führungsetage. Einer, der klare Anweisungen gibt, souverän auftritt, mit Anzug, Hemd und Krawatte. »Es ist gut, dass er hier ist.« Dieser Satz ist jetzt häufiger in den Fluren zu hören.

Wieder einmal hat Doktor Maus also übernommen. In den nächsten Monaten wird er eintauchen in einen Mikrokosmos aus Zahlen und Paragrafen, Fehlern und Versäumnissen. Und er wird mit Menschen zu tun haben, die am Abgrund stehen – finanziell und seelisch. »Das Scheitern im eigenen Unternehmen geht fast immer mit

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