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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2012
Leben gegen die Angst
Die Gesellschaft ist gelähmt. Doch die Kirchen nutzen ihre Kraft nicht
Der Inhalt:

Jenseits von Recht und Unrecht

von Barbara Brüning vom 23.11.2012
Ehestreit, Fluglärm, sexueller Missbrauch: Wo immer es Konflikte gibt, setzt man zunehmend auf Mediation. Oft mit Erfolg. Doch zuweilen ist der Grat zwischen Einigung und Beschwichtigung sehr schmal

Josef K. lebt in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Frankfurt-Bornheim. Das Wohnzimmer ist voller Musikinstrumente. Im Schlafzimmer überrascht ein Kinderdoppelbett, das als Burg gestaltet ist. Dahinter ist noch ein einzelnes Bett, in dem schläft K. Die Schränke in der Küche sind von Kinderhänden bemalt. »Am Wochenende kommen meine Kinder«, sagt er. »Und sie dürfen sogar übernachten. Das war ein langer Kampf, bis es so weit war.« Obwohl er bis zur Trennung von seiner Lebensgefährtin den damals vierjährigen Sohn als Vollzeit-Hausmann versorgt hatte.

Dass die Eltern heute wieder miteinander sprechen können, verdanken sie einer Mediation. Zunächst habe er den inzwischen Siebenjährigen und seinen jüngeren Bruder, der nach der Trennung geboren wurde, alle vierzehn Tage nur eine Stunde sehen dürfen, erzählt K. Später waren es acht Stunden. Irgendwann hat er den Kontakt abgebrochen, weil ihm die Situation unerträglich war. »Manchmal glaube ich, dass sie mich hasst«, sagt K. über seine Frau, während er Milchkaffee aus einer überdimensionalen Tasse schlürft. »Und dann habe ich aber auch wieder das Gefühl, dass Hass eine besondere Form der Liebe ist ... «

»Tief unter unseren Konflikten verbirgt sich eine Menschlichkeit, die uns alle verbindet«, sagen Gary Friedman und Jack Himmelstein, die Begründer der Mediation. Josef K. ist vielleicht das beste Beispiel dafür, dass es sich lohnt, gerade einen großen Konflikt als eine Herausforderung anzusehen – und sich auf den Weg zu machen, die darunterliegende gemeinsame Menschlichkeit zu entdecken. Diese ans Tageslicht zu befördern und den Streitenden bewusst zu machen ist jedoch keine leichte Aufgabe

.

Die Schleife des Verstehens

»Schleife des Verstehens« heißt der Schlüssel zu verstehendem Zuhören, sagen Friedman und Himmelstein. Dabei geht es darum, dass zum Beispiel in einem Beziehungsstreit jeder der Beteiligten seine Sicht der Dinge und seine Gefühle in Ich-Form äußert und der Mediator versucht, diese in eigenen Worten wiederzugeben – so lange, bis der Betroffene sich wirklich verstanden fühlt. Wenn es dem Mediator gelingt, die Standpunkte beider Streitenden zu verstehen, dann können auch sie die Einsicht zulassen, dass sie gar nicht wirklich unvereinbar sind, sondern dass es etwas Neues gibt, jenseits von Recht oder Unrecht.

Einer, d

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