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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2012
Leben gegen die Angst
Die Gesellschaft ist gelähmt. Doch die Kirchen nutzen ihre Kraft nicht
Der Inhalt:

Ohne Angst leben

von Michael Jäger vom 23.11.2012
Christen könnten die weit verbreitete politische Lähmung und die Angst vieler Menschen vor dem Sterben überwinden helfen. Doch die Kirchen flüchten in eine abstrakte Glaubensverkündigung

Beachtung fand auf der »Konziliaren Versammlung« reformorientierter Gruppen und Initiativen, die im Oktober in Frankfurt stattfand (Publik-Forum 20/2012), ein Vortrag des Journalisten Michael Jäger. »Ohne Angst leben« lautete sein Titel. Jäger war früher Atheist und fand über eine kritische Auseinandersetzung mit dem Christentum zum Glauben. Der nachfolgende Text ist eine stark gekürzte und redaktionell überarbeitete Fassung dieses Vortrags. Jäger arbeitet als Redakteur bei der Wochenzeitung »Der Freitag«.

Sehr viele Menschen sind nicht einverstanden mit den vielen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und der Unsinnigkeit unserer ökonomischen Ordnung. Doch sie rühren sich nicht. Sie sind gelähmt. Aber lesen wir von solcher Lähmung nicht schon im Neuen Testament? Da kommt dann einer und sagt: »Steh auf und wandle!«

Wäre es also nicht gerade Aufgabe der Kirchen, ein entschiedenes Wort gegen die Lähmung zu sagen? Die Menschen brauchen den Glauben, aufstehen zu können, haben ihn aber nicht. Eine erneuerte Kirche würde sich in die Demonstrationen derer einreihen, die den Kampf um eine bessere Welt bereits aufgenommen haben. In Ansätzen geschieht das. Eine erneuerte Kirche würde sich aber auch derer annehmen, die nicht zum Kämpfen gelangen, weil sie gelähmt sind. Denn wer sonst sollte das tun können? Wer außer den Christen wüsste aus der Bibel, dass möglicherweise Schuldbewusstsein und daraus resultierende Todesangst die Lähmung bewirkt haben könnten?

Die Verantwortlichen in den Kirchen haben oft eine eigene Art, Themen wie Schuldbewusstsein und Todesangst, Vergebung der Schuld und Befreiung zum Leben zu behandeln: Man privatisiert sie, enthistorisiert sie, entsozialisiert sie, entgeschlechtlicht sie. Man verwandelt sie in lauter Abstraktionen. Nicht selten wird dann eine private, ahistorische »Seelsorge« ausgespielt gegen die Notwendigkeit des Kampfes für eine bessere Welt, für einen Vorschein des »Reiches Gottes«.

Papst Benedikt XVI. hat aus Anlass des fünfzigsten Jahrestags der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils ein »Jahr des Glaubens« ausgerufen. Aufgabe der Kirche sei es, so der Papst, »die Menschen aus der Wüste herauszuführen zu den Orten des Lebens – zur Freundschaft mit dem Sohn Gottes, der uns Leben schenkt, Leben in Fülle«. So weit, so gut. Doch dann fährt der Papst fort:

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