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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2012
Leben gegen die Angst
Die Gesellschaft ist gelähmt. Doch die Kirchen nutzen ihre Kraft nicht
Der Inhalt:

Im Reich des Dinosauriers

von Jens Klein vom 23.11.2012
Vattenfall baut bei Hamburg eines der größten Kohlekraftwerke Deutschlands – der Klimakiller soll vierzig Jahre lang Strom liefern. Besuch auf einer umstrittenen Baustelle

Die Zukunft rotiert. Drüben, auf der anderen Seite der Elbe. Leise surren dort die Rotoren zweier Windräder. 133 Meter hoch, weiß wie Spargel, 1,8 Megawatt Leistung pro Stück. Einen Steinwurf entfernt beginnt die industrielle Steinzeit. Großbaustelle Kohlekraftwerk, 15 Kilometer vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt, Baubeginn 2007, 1640 Megawatt Leistung, 2,8 Milliarden Euro Investitionskosten. Viel Kohle für die alte Kohle. Hier ist Strom nicht grün, sondern schwarz. Schwarz wie die Steinkohle, aus der er gewonnen werden soll.

Ein Heer von 2000 Handwerkern schweißt Heizkessel zusammen, baut einen Kühlturm oder zieht Kabel. Ursprünglich sollte das Kraftwerk 2013 ans Netz gehen. Derzeit rechnet der Betreiber Vattenfall damit, dass beide Kessel des Meilers im Laufe des Jahres 2014 in Betrieb sein werden. Der schwedische Staatskonzern bewirbt das Kraftwerk als »Brücke vom Atomzeitalter in das der erneuerbaren Energien«. Andere sprechen von »Dinosauriertechnologie«. Der Dinosaurier ist hungrig: In Spitzenzeiten sollen pro Stunde 480 Tonnen Steinkohle verbrannt werden.

Der Ingenieur Dieter Miethe steht unter einem der beiden Heizkessel des Kraftwerks. 80 Meter hoch, 30 Meter breit, 23 Meter tief. Bei solchen Dimensionen wirken die Bauarbeiter in der Halle mit ihren Helmen wie eine Zwergenarmee. Wenn das Kraftwerk am Netz ist, wird tonnenweise Kohlestaub in den Kessel geblasen. Jetzt sieht Miethe noch ein Baugerüst darin stehen. Er ist als Maschinenbauingenieur bei Vattenfall für die Qualitätssicherung zuständig. Der 55-jährige Ostberliner prüft, ob Schrauben wirklich fest sitzen, die Schweißer präzise gearbeitet haben oder Hydraulikteile ausreichend vor Kohlestaub geschützt sind. Die Arbeit in Moorburg gefällt ihm. Er mag die Elbe, Hamburg. In der Nähe der Baustelle ist er in eine Wohnung von Vattenfall eingezogen. »Charme der 1960er-Jahre, mit echten Holzfenstern und Nachtspeicher-Heizung«, sagt Miethe.

Ein Stimmenwirrwarr aus Sächsisch, Berlinerisch, Tschechisch, Polnisch und anderen Sprachen oder Dialekten mischt sich mit dem Kreischen einer Flex, die sich durch Metall frisst. Es riecht nach Feuerwerk. Rhythmisches Hämmern auf Metall tönt durch die Halle. Neben Kontrolleur Miethe hocken zwei Männer und schleifen Rohre, die danach geschweißt werden sollen. Der Ingenieur schaut ihnen für einige Sekunden über die Schulter. Alles okay. So läuf

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