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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2012
Leben gegen die Angst
Die Gesellschaft ist gelähmt. Doch die Kirchen nutzen ihre Kraft nicht
Der Inhalt:

Ist der Mensch mit dem Hirntod wirklich tot?

vom 23.11.2012
Der Hirntod als eindeutiges Kriterium des Todes ist umstritten. Gegner sprechen von einem Sterbeprozess. Ein Pro und Contra von Eberhard Schockenhoff und Alexandra Manzei

Im Oktober veröffentlichte die Deutsche Stiftung Organtransplantationeinen Warnruf: Infolge der Organspende-Skandale in Göttingen, Regensburg und München sei die Zahl der Spender im Vergleich zum Vorjahr um 11,6 Prozent zurückgegangen. Doch auch jenseits dieses Skandals stehen die Grundlagen der Organspende-Praxis mehr und mehr in der Kritik: Das 1997 verabschiedete Transplantationsgesetz legt den Hirntod eines Menschen als Kriterium für die Entnahme von Organen fest. Dennoch lassen sich viele Körperfunktionen auch nach dem Tod des Gehirns durch medizinische Hilfe aufrechterhalten. Deshalb werden immer mehr Stimmen laut, die die Gleichsetzung des Hirntodes mit dem Tod eines Menschen in Zweifel ziehen. Ist mit dem Tod des Gehirns das Leben eines Menschen wirklich erloschen? Oder ist das Sterben erst abgeschlossen, wenn der gesamte Körper erkaltet ist? Und was bedeutet das für die Organspende?

Eberhard Schockenhoff: Ja

Dass der Tod mit dem Hirntod eines Menschen eintritt, ist seit Längerem die Basis der medizinischen Praxis und das Kriterium für eine Organentnahme. Das Ereignis des Todes lässt sich nicht unmittelbar wahrnehmen. Als Ende der irdischen Existenz des Menschen liegt es vielmehr unter dem beobachtbaren Vorgang des Sterbens verborgen, in dem die Vitalfunktionen der einzelnen Organe nach und nach zum Erliegen kommen. Der Tod, das Erlöschen der Person, und das Sterben als Prozess, den wir diagnostisch erfassen und medizinisch kontrollieren können, liegen auf verschiedenen Ebenen. Durch die empirische Beobachtung des Sterbeprozesses können wir deshalb nicht den exakten Zeitpunkt des Todes bestimmen, sondern nur vom Vorhandensein bestimmter Indizien darauf zurückschließen, dass sich der Tod eines Menschen ereignet hat.

Der Hirntod wird aus gutem Grund zum Todeskriterium. So ist die personale Identität eines Menschen an sein Gehirn gebunden. Das lässt sich durch ein Gedankenexperiment leicht veranschaulichen: Angenommen, es gelänge eines Tages, die Funktionen des Gehirns durch künstliche Computer-Prothesen zu ersetzen. In diesem Fall könnte die Steuerungsleistung des Gehirns für den Organismus maschinell vollzogen werden, sodass der Ausfall des Gehirns nicht den Zerfall des Organismus nach sich ziehen würde. Dennoch würden wir einen solchermaßen von einem Computer gesteuerten Organismus nicht als einen

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