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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2012
Leben gegen die Angst
Die Gesellschaft ist gelähmt. Doch die Kirchen nutzen ihre Kraft nicht
Der Inhalt:

Immer und nie

von Irene Dänzer-Vanotti vom 23.11.2012
Nach dem Film geht man mit diesen Worten sorgfältiger um. »Cloud Atlas« macht die Reise der Seele durch viele Leben in grossen Bildern sichtbar

Immer noch könnte die Kraft des Urknalls in uns allen sein. Und die blasse, faltige Frau, die da jetzt über die grau-braunen Pflastersteine, vorbei an dem vor sich hin blätternden Baum auf dem Bahnhofsvorplatz geht und ihre Tasche ein wenig zu fest hält, die könnte doch auch ein Teil von mir sein. Oder der Junge da vorne, der bettelnd seine Hand ausstreckt. Ich gebe ihm lieber etwas. Sicher ist sicher. »Mit jeder guten Tat und mit jedem Verbrechen erschaffst du dein Leben in alle Zukunft hinein.« Das habe ich gerade gehört. Im Kino. In dem Film »Cloud Atlas«. Und jetzt, mittags um eins auf dem Bahnhofsvorplatz, das Kino mit den vielen Sälen und der Glasfassade im Rücken, will ich die Botschaft nicht gleich missachten. Also zwei Euro in die ausgestreckte Kinderhand, und dann stehe ich da mit der Wucht eines gewaltigen Films und der Frage, ob wirklich alles mit allem verbunden ist, seit dem Anfang aller Zeiten. Und ob ich in früheren Leben meine jetzige Existenz geschaffen habe und damit auch diesen Moment von Erfüllung und Verwunderung mittags um eins, weil die Pressevorführung mich schon am Morgen ins Kino geführt hat?

Immerhin ist es ein aufwendiges Kunstwerk, das all diese Fragen neu stellt. »Cloud Atlas«, basierend auf dem Roman von David Mitchell, der auf Deutsch »Wolkenatlas« heißt, stellt dar, was viele Menschen glauben, seien sie nun vom Buddhismus oder von esoterischen Lehren geprägt: Ein Mensch lebt viele Leben durch die Jahrhunderte hindurch, ist einmal Mann, einmal Frau, mal ein guter Mensch, ein Held, mal ein Schuft und Unterlegener. Nicht nur reiht sich ein Leben an das andere, sondern sie beeinflussen sich, eine gute Tat im einen Leben ist Ursache günstiger Entwicklungen im nächsten, ein Verbrechen macht dagegen in allen folgenden Existenzen den Weg zur Erlösung steiler und steiniger, wobei dieser nie verschlossen ist. Auch in »Cloud Atlas« ist der Menschenretter im Jahr 2346 einer der Mörder früherer Jahrhunderte. Was wird, weiß man so genau nie.

Immer sind es dieselben Schauspieler – einige der besten, die Hollywood und Europa zu bieten haben: Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbend und Hugh Grant –, die in den Episoden ihre verschiedenen Inkarnationen spielen, angefangen von der Geschichte eines Befreiers schwarzer Sklaven in Amerika im Jahr 1846 bis zur Befreiung der Menschheit 500 Jahre später. Themen, Strukturen und Szenen aller Figuren kehren in den verschiedenen

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