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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2012
Leben gegen die Angst
Die Gesellschaft ist gelähmt. Doch die Kirchen nutzen ihre Kraft nicht
Der Inhalt:

Der Quereinsteiger

von Eva-Maria Lerch vom 23.11.2012
Vom Saulus zum Paulus: Der frühere Öl-Finanzmanager Justin Welby wird Oberhaupt der anglikanischen Kirche

Man sieht es ihm manchmal noch an. Fotos, die ihn ohne Brille und Priesterkragen zeigen, vermitteln das entschlossene Gesicht von Justin Welby, das zu dem früheren Topmanager passt. Die meisten Bilder dieser Tage aber zeigen Welby als den, der er heute ist: ein freundlicher Bischof mit Halbglatze, Brille und Kreuz auf der Brust. Der Quereinsteiger mit dem spannenden Lebenslauf ist überraschend zum Erzbischof von Canterbury ernannt worden und damit zum neuen Oberhaupt der anglikanischen Kirche.

In der ersten Reaktion auf seine Nominierung zeigte sich der 56-Jährige überwältigt: »Damit das klar ist«, sagte er, »ich bin einer der unbedarftesten Bischöfe der Church of England überhaupt.« Tatsächlich ist die Entscheidung für Welby eine kleine Sensation auf der britischen Insel. Denn Justin Welby ist erst mit 37 Jahren Priester geworden und gerade ein Jahr Bischof, da ihm nun das hohe Amt angetragen wird: Der Erzbischof von Canterbury steht rund 25 Millionen britischen Christen und insgesamt 80 Millionen Anglikanern in der ganzen Welt vor. Er krönt traditionell die britischen Könige und traut auch royale Paare wie jüngst Kate und William.

Die Geschichte von Justin Welby liest sich wie die Wandlung vom Saulus zum Paulus. Als Junge besuchte er die so teure wie renommierte Privatschule Eton. Er studierte Geschichte und Jura in Cambridge und Dublin und stieg ins Ölgeschäft ein, wo er rasch Karriere machte. Er war Manager beim französischen Konzern Elf Aquitaine und bei Enterprise Oil in London, wo er die Finanzierung der Ölförderung in Nigeria organisierte. Welby gründete eine Familie und wurde Vater von sechs Kindern.

Sein radikaler Wandel scheint auch mit dem tragischen Tod seiner kleinen Tochter zu tun zu haben, die im Alter von nur sieben Monaten bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. »Es war eine dunkle Zeit für mich und meine Frau Caroline«, erzählte er. »Aber auf seltsame Weise hat das Erlebnis uns noch näher zu Gott gebracht.« In dieser Zeit diskutierte er mit einem Geistlichen, der die Ölindustrie kritisierte. »Das brachte mich dazu, über die Ethik der Ölindustrie nachzudenken.« 1987 warf Welby seinen hochbezahlten Posten hin, studierte Theologie, ließ sich zum Reverend weihen, arbeitete in sozialen Brennpunkten, wurde Dekan von Liverpool und schließlich Bischof von Durha

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