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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2011
Die Lust am Selberdenken
Der Inhalt:

»Die Schutzhülle fehlt«

Martina N. hat sechzig Kilo abgenommen. Glücklicher ist die 53-Jährige deswegen nicht

Figur, Gewicht: Wer sich da alles berechtigt fühlt, eine Meinung zu sagen, das ist unglaublich. Ich wünsche mir, dass Menschen nicht be- oder verurteilt werden aufgrund einer Äußerlichkeit, mit der sie niemandem schaden! Deshalb habe ich mich entschieden, bei dem Film »Körpergeschichten. Vier Frauen – vier Wege« mitzumachen. Ich will den Leuten sagen, dass die Gleichung nicht aufgeht: dick gleich unglücklich, dünn gleich glücklich. Bin ich jetzt, wo ich abgenommen habe, glücklicher als früher? Nein. Ich fühle mich nicht einmal attraktiver. Wie attraktiv man ist, hat für mich wenig mit dem Gewicht zu tun.

Ich habe mich nicht unwohl gefühlt als dicke Frau. Ich habe früh so etwas wie ein Ehrgefühl des Andersseins entwickelt. Vielleicht weil es mir gar nicht möglich war, so zu sein wie alle anderen. Ich habe als Kind schon sehr schlecht gesehen, da rennt man nicht herum wie die anderen. Und mit elf Jahren wurden mir Anabolika verschrieben gegen niedrigen Blutdruck – was einen veritablen Stimmbruch auslöste. Spätestens da war klar: Ich brauche gar nicht erst versuchen, in der Masse mitzuschwimmen. Darüber kann man unglücklich sein – oder man sagt sich: Das ist auch gut so. Die Zuschreibungen für Dicke haben auf mich nicht gepasst: phlegmatisch, willenlos, unkontrolliert. Ich war immer lebensfroh, temperamentvoll, zackig. Als ich noch Altenpflegerin war, nannten sie mich »Schwester Kugelblitz«, das traf’s genau.

Meine Fülle empfand ich immer als Schutz, wie eine Verpackung um etwas Zerbrechliches. Darin hatte ich Erinnerungen an traumatische Erlebnisse in meiner Kindheit eingelagert. Als ich abnahm, kamen die alle wieder hoch. Über diese Erfahrungen möchte ich nicht öffentlich sprechen. Aber sie waren der