Von der äußeren und inneren Wildnis
Wie lange brauchen Sie? Reichen 15 Minuten?« Margaret Atwood hat keine Zeit für Höflichkeitsfloskeln. Die Grand Dame der kanadischen Literatur möchte lieber bloggen als ein Interview geben. »Ich komme mit dem Flut-Blog überhaupt nicht hinterher«, klagt sie leise, ihre Stimme klingt rau. »Der letzte Eintrag ist aus San Francisco.« Zwischenzeitlich war sie aber schon in Seattle und Los Angeles, auf der Buchmesse in Frankfurt, in Berlin, beim Literaturfestival im österreichischen Heidenreichstein (wo sich zwei Tage lang alles nur um sie drehte), dann gestern München und morgen Zürich. Jetzt sitzt sie im ICE nach Hamburg. Der Zug nimmt Fahrt auf, Margaret Atwood klappt ihr silbernes iBook zu, seufzt und bringt sich am Tischchen in Position, welche sie die ganze nächste Stunde beibehalten wird: Die rechte Hand stützt Wange und Kinn, der linke Arm den Rest, die hellblauen Augen fixieren ihr Gegenüber. Müde wirkt sie, fast zerbrechlich. Zum Glück hat sie mal wieder nicht den Nobelpreis bekommen, denkt man, denn dann hätte sie keine ruhige Minute mehr gehabt auf ihrer Lesetour – ein drei Monate dauerndes Pingpong zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Kontinent.
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