Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2018
Der Mord und der Westen
Der Fall Saudi-Arabien: Handel, Macht und Menschenrechte
Der Inhalt:

Körper und Kontrolle

von Anne Strotmann vom 09.11.2018
Die Künstlerin Cady Noland schuf beklemmende Bilder der Gewalt in alltäglichen Strukturen. Dann zog sie sich aus der Kunstszene zurück. Nach 22 Jahren zeigt nun erstmals wieder eine Ausstellung in Frankfurt ihre Werke

An einem Gerüst hängen drei Reifen an Ketten, wie Spielplatzschaukeln. Was wäre, wenn Kinder diese Installation von Cady Noland als Einladung verstehen würden, ein bisschen herumzuturnen? Der Kunstvermittlerin des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt verschlägt es für einen Moment die Sprache. »Ganz schlechte Idee«, sagt sie und lacht. »Cady Noland ist sehr teuer.«

Cady Noland, geboren 1956 als Tochter des Farbfeldkünstlers Kenneth Noland, studierte Soziologie und setzte sich in Aufsätzen und Kunstwerken mit Formen von Gewalt im Alltag auseinander. Sie zeigt, wie Strukturen in Städten, Institutionen und Öffentlichkeit Körper und Geister regulieren, wie sie die einen ein-, die anderen ausschließen. Auch die Kunstszene selbst stellte für Noland eine solche Struktur der Gewalt dar. Sie zog sich konsequent daraus zurück, ihre letzte Ausstellung war 1996 in Connecticut zu sehen. Dass es der neuen Direktorin des MMK, Susanne Pfeffer, gelungen ist, Nolands Werke jetzt auszustellen, ist eine Sensation.

In den Installationen, die auf drei Stockwerken zu sehen sind, tauchen immer wieder Alltagsgegenstände auf: Gerüststangen, Maschendrahtzäune, Ringe, Gehhilfen. Eine Gehhilfe steht direkt am Eingang, darauf liegt eine noch eingerollte und in Plastik verpackte US-Flagge. Nicht jeder hat Zugang zum amerikanischen Traum!

Eindrückliches Sinnbild dafür, wie Menschen verbogen und der öffentlichen Meinung ausgeliefert werden, sind die mit Aluminium beschichteten Pranger. Einer ist mit der US-amerikanischen Flagge verkleidet; die Aussparungen, in denen Kopf, Arme und Beine fixiert werden könnten, wirken wie Einschusslöcher. Der »American Dream« wird zum »American Nightmare«.

Noland zerlegt Mythen der US-amerikanischen Gesellschaft in ihre Bestandteile. So hängt sie an eine Stange die US-Flagge neben Zaumzeug, das an Western und Bürgerkrieg erinnert. Daneben ein Grillrost, eine Steuertabelle, ein Paradestab, ein Karabiner, ein Gardinenring. Wer wird im Zaum gehalten, in wessen Takt wird marschiert, wer wird in der häuslichen Sphäre hinter den Gardinen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen?

Nolands Installationen wirken assoziativ. In ihrer kalten Unbarmherzigkeit beschwören die scheinbar alltäglichen Gegenstände Bilder von Todestrakt, Schlachthaus und Verkehrsunfällen herauf und lösen zunehmend ein

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen