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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2017
Reformationsjubiläum: Was bleibt?
Ein Streitgespräch zwischen Thies Gundlach, Margot Käßmann und Dorothea Wendebourg
Der Inhalt:

Jenseits der fliegenden Teppiche

von Udo Taubitz vom 10.11.2017
»Die Wahrheit steht gerade unter Beschuss«, sagt Salman Rushdie. Sein neuer Roman handelt von der Weltpolitik und klingt ganz anders als die märchenhafte Poesie, die er bisher geschrieben hat. Ein Abend mit dem verfolgten Schriftsteller

Auftritt Salman Rushdie in der Hamburger Elbphilharmonie: Ein wenig tapsig betritt er die Bühne, strebt in die Mitte des Konzerthauses, wo ein weißer Plastiksessel auf ihn wartet, winkt ins hohe Rund. 1500 Leute applaudieren, die auf den besten Plätzen haben vierzig Euro bezahlt, um den berühmten Schriftsteller zu erleben. Mehrere Millionen Dollar Kopfgeld sind ausgesetzt auf diesen Mann; wegen der »Satanischen Verse« hatte der iranische Staatschef Ayatollah Komeini einst das Fatwa-Todesurteil gegen Rushdie verhängt und Muslime in aller Welt zur Vollstreckung aufgerufen. Dass er da auf der Bühne zum Greifen nah sitzt, die Gefahr immer mit ihm, mag Teil der Faszination sein.

Offiziell dreht sich der Abend aber allein um »Golden House« – so heißt der neue Bestseller von Salman Rushdie. Für die Verkaufszahlen ist es ein Glück, dass die Amerikaner Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt haben und nicht Hillary Clinton, denn dieser Umstand verleiht dem Roman ungeheure Aktualität und dem Autor die Aura des Hellsehers. In »Golden House« regiert ein verlogener Psychopath im Weißen Haus, eine Witzfigur zum Fürchten. Aber als Rushdie das Buch schrieb, war er überzeugt, dass Trump nicht die geringste Chance hätte, die Wahl zu gewinnen: »Ich habe danebengelegen«, sagt er und schmunzelt etwas säuerlich, »aber das Buch hatte recht, es folgte seiner eigenen Logik. Es war einer der seltenen Fälle, wo das Werk klüger ist als der Künstler.«

Mr. President ist jedoch eher eine Randfigur in »Golden House«. Der Roman erzählt die Geschichte einer schwerreichen indischen Familie, die nach einem Terroranschlag nach New York flieht. Familienoberhaupt Nero ist ein alter Immobilien-Hai, dem eine junge russische Kunstturnerin im Big Apple den Kopf verdreht. Natürlich zählt da weniger die Liebe als das Geld, der Gott des Kapitalismus. Rushdie beschreibt ein zerrissenes Land voller Furcht und Hass. Den amerikanischen Traum träumen nur noch ein paar Linksintellektuelle und Künstler.

Deutsche Literaturkritiker sehen im 13. Roman von Salman Rushdie einen »Debattenbeitrag zum Amerika des Donald Trump« (Die Zeit), ein »Gesellschaftsporträt, das den Finger in viele Wunden legt« (NDR) oder »Gangstergeschichte, Gegenwartsdiagnose, Familien- und Schauerroman in einem« (taz).

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