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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2016
Gefährlicher Egoismus
Warum sich die Deutschen mit Gerechtigkeit so schwertun
Der Inhalt:

Schönheit des Geistes

von Brigitte Neumann vom 04.11.2016
Der Computerwissenschaftler David Gelernter warnt vor den Gefahren der Künstlichen Intelligenz

Es klingt wie Science-Fiction: Manche Forscher erwarten, dass selbstlernende Computer bis 2075 menschenähnliche Intelligenz erreichen und ein paar Jahre später den Menschen überflügeln werden. Der Physiker Stephen Hawking warnt davor, ebenso der Microsoft-Gründer Bill Gates, es handle sich um eine existenzielle Gefahr. Im vergangenen Jahr verfassten sogar Hunderte von Wissenschaftlern einen offenen Brief, um ihre Sorge auszudrücken.

Auch David Gelernter, Maler, Talmud-Gelehrter, Informatiker und Professor für Computerwissenschaften an der Elite-Universität Yale, sieht die aktuelle Entwicklung kritisch. In seinem jüngsten Buch schreibt er: »Wenn wir eines Tages Roboter mit einem Intelligenzquotienten von 500 gebaut haben, können wir leicht auch solche mit Intelligenzquotienten von 5000 oder 50 000 entwickeln; warum glauben wir, solche transhumanen Wundermaschinen würden uns noch haben wollen, außer als Zimmerpflanzen?«

Trotzdem ist »Gezeiten des Geistes« weniger ein Buch über künstliche Intelligenz als vor allem eine Auseinandersetzung mit dem dahinterstehenden Menschenbild, das Gelernter für gefährlich hält. Drei Merkmale kennzeichnen seiner Beobachtung nach die »Digerati«, wie er die Vertreter der digitalen Elite nennt: Ihr notorischer Atheismus beziehungsweise ihr Gefühl, die größeren Götter zu sein; ihr Akulturalismus, das heißt, ihre Bereitwilligkeit, sich von den eigenen kulturellen Wurzeln zu lösen; und – als vielleicht machtvollste Tendenz – das Ausblenden von Emotionen. Gelernter beobachtet, dass die Menschen sich zunehmend an die als objektiv geltende Maschine und deren scheinbar vorurteilsfreie Algorithmen anpassen.

Diesem übersteigerten Rationalismus stellt er ein Modell der Seele gegenüber, das auf der Psychologie Freuds basiert und das er als eine Art Spektrum beschreibt: Oben an der Spitze steht der hellwache, konzentrierte Geist, der Aufgaben logisch, analytisch und vernünftig bewältigt – durch Nachdenken. Doch der größere Teil dieses Spektrums, in dem unser Geist mehrfach täglich auf und ab wandert, wird von Emotionen dominiert. Je weiter es im Spektrum abwärts geht, dessen unterste Punkte Schlaf und Traum sind, desto weniger Kontrolle haben wir über unsere Gefühle. Sie lenken unsere bewussten Gedanken und sind auch Grundlage der Kreativität.

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