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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2014
Heilende Tinte
Wie Schreiben befreit
Der Inhalt:

Freiheit, die sie meinen

von Thomas Schneider vom 07.11.2014
In Tunesien ist Wahlherbst. Das Land steht heute zwischen zwei Parteien: der islamistischen und der gestrigen. Die junge Generation aber will das nicht hinnehmen

Es war im Sommer, in einem Militärkrankenhaus in Tunesiens Süden, als die angehende junge Ärztin Inès Abid eine Vorstellung davon bekam, was der Kampf gegen den Terrorismus bedeutet. Da lagen vor ihr die Leichen von Soldaten, die im Kampf mit islamistischen Extremisten getötet worden waren. Wie fast alle ihre Landsleute schätzt Inès die Armee, weil die während der Revolution nicht auf das Volk geschossen und damit zum Sturz der Ben-Ali-Diktatur beigetragen hatte. Auch den Einsatz gegen die bewaffneten Gruppen, die die junge Demokratie destabilisieren wollen, billigt sie. Nun war die 25-Jährige persönlich damit konfrontiert. »Mir wurde klar«, sagt sie, »dass diese Kämpfe uns sehr nah sind.«

Aber welchen Schluss soll sie daraus ziehen? Das ist eine umstrittene Frage in diesem Herbst der Wahlen. Am 26. Oktober wurde das Parlament gewählt, und die Präsidentschaftswahl soll ebenfalls noch vor Jahresende stattfinden. Für Inès war klar, was aus ihren Praktikumserlebnissen folgen musste: Die islamistische Partei Ennahda (Wiedergeburt), seit 2011 die stärkste politische Kraft im Land, hat während ihrer Regierungszeit wenig bis nichts getan, um den Aufbau terroristischer Strukturen zu verhindern. Wer eine freiheitliche Entwicklung für Tunesien wolle, müsse also gegen Ennahda stimmen. Aber für wen dann? Für die andere große Partei Nida Tunis (Der Ruf Tunesiens)?

»Ausgerechnet Nida Tunis«, empört sich die junge Frau. Die Partei des greisen ehemaligen Interimspräsidenten Beji Caid Essebsi, säkular und marktwirtschaftlich, ist ein Sammelbecken von Profiteuren des alten Regimes des Diktators Ben Ali – nicht ausschließlich zwar, aber doch zu Teilen. »Soll das die Alternative sein?«, empört sich Inès Abid, »Islamisten oder Gestrige?«

Der Wahlkampf vermittelte tatsächlich den Eindruck, in Tunesien kämpften nur diese zwei politischen Parteien um Stimmen. »Die Fernsehsender und die Zeitungen erklärten ständig, es gebe nur zwei Möglichkeiten, seine Stimme bei den Wahlen nützlich einzusetzen«, hat Moez Mrabet beobachtet, ein international bekannter Theaterregisseur. Er findet das geradezu erpresserisch. Es suggeriere, dass jede Stimme, die Nida Tunis fehle, eine unnütze Stimme sei und die Islamisten stark mache. Dabei gab es landesweit rund 1300 Parteien und Listen, die um die Gunst der Wähler warben. Doch diese Auswahl ließ viele Bürger ratlos zurück, zumal etliche Kleinparteien offe

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