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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2014
Heilende Tinte
Wie Schreiben befreit
Der Inhalt:

Die Entdeckerin

von Josefine Janert vom 07.11.2014
Wie lebt man als religiöser Mensch, wenn die Wurzeln der eigenen Religion gekappt wurden? Die jüdische Kantorin Jalda Rebling ist auf der Suche

In ihrer Wohnung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg reichen die Bücherregale bis an die Decke. Telefon, Mails und Skype verbinden Jalda Rebling mit Menschen in den USA, in Großbritannien, Australien, den Niederlanden, Deutschland. Menschen, die sie per Fernkurs unterrichtet, mit denen sie sich austauscht, von denen sie selbst lernt. »Ich bin immer neugierig«, sagt die Frau mit den dunklen, langen Locken.

Jalda Rebling ist ordinierte Kantorin einer jüdischen Gemeinde. Die Spezialistin für jüdische Musik gibt ihr Wissen an Rabbiner und Kantoren weltweit weiter.

Im Jahr 1951 kam sie in Amsterdam zur Welt; 1952 siedelten ihre Eltern, beide Kommunisten, in die DDR über. Ihr Vater, Eberhard Rebling, Pianist und Musikkritiker, hatte 1936 aus Berlin in die Niederlande fliehen müssen. Dort hatte er Rebekka Brilleslijper kennengelernt, Jaldas spätere Mutter. Sie stammte aus dem armen Teil des Amsterdamer Judenviertels, hatte sich aber eine Ausbildung zur Tänzerin erkämpft. Unter dem Künstlernamen Lin Jaldati trat sie auch als Sängerin auf.

Als die Nazis einmarschierten, ging das Paar in den Untergrund. Eberhard Rebling bot zwanzig jüdischen Flüchtlingen Unterschlupf. Lin Jaldati wurde 1944 verhaftet; es begann ein Leidensweg, der sie durch mehrere KZs führte. Sie überlebte, konnte aber ihre Karriere als Tänzerin nicht fortführen. Mit ihrem Mann entschied sie sich schließlich für ein Leben in der DDR, weil beide an den Sozialismus glaubten. Kaum jemand engagierte sich dann dort so für jiddische Musik wie die beiden.

Auf der Bühne standen aber auch die beiden Töchter, Jalda und die 1941 geborene Kathinka. Es sei schizophren gewesen, erinnert sich Jalda Rebling: »Einerseits zeugten die Lieder, die wir sangen, von so viel Lebensfreude. Auf der anderen Seite war da dieses große, dunkle Etwas, aus dem heraus immer wieder Menschen hervorkamen, die schon längst in der anderen Welt waren, aber mit denen wir doch irgendwie lebten.« Ermordete Angehörige der Mutter, Freunde der Eltern, Opfer der Shoah.

Als im Jahr 1989 die Friedliche Revolu tion das Leben von Millionen von Deutschen radikal veränderte, war Jalda Rebling mit dabei. Sie harrte in der Berliner Gethsemanekirche aus, während vor der Tür Polizisten und Stasi-Leute lauerten. Sie wollte Freiheit. Und Frieden. Beides

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