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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2014
Heilende Tinte
Wie Schreiben befreit
Der Inhalt:

Aufgefallen: Der mutige Imam

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 07.11.2014
Muhsin Hendricks ist gläubiger Muslim – und bekennt sich offen zu seiner Homosexualität. Für den Mann aus Kapstadt ist das kein Widerspruch

Eigentlich lebt er verdammt gefährlich. Muhsin Hendricks aus Kapstadt ist nicht nur homosexuell und dabei muslimisch, sondern noch dazu ein islamischer Gelehrter. Und seit drei Jahren mit einem hinduistischen Mann verheiratet. In einigen Teilen der Welt würde er dafür umgebracht. Aber Hendricks wirkt alles andere als sorgenvoll. »Ehrlichkeit ist eines der wichtigsten Prinzipien im Islam«, betont er. Deshalb reist er um die Welt, hält Vorträge und drehte einen Dokumentarfilm über homosexuelle Muslime. Doch bis dahin war es ein steiniger Weg. Hendricks wurde in eine tief religiöse Familie geboren, schon als Kind hörte er den Großvater in der Moschee predigen, Schwule kämen in die Hölle.

»Gott hat mich so gemacht, wie ich bin, wie kann das denn eine Sünde sein?«, fragte sich der Enkel. In Pakistan studierte er islamische Theologie, heiratete dann eine Frau. »Ich dachte, das würde mir helfen«, sagt der heute 47-Jährige. Er fastete, betete und flehte Allah an, ihn zu ändern – bis er begriff, dass das vielleicht gar nicht nötig war. Mit 29 Jahren ließ er sich scheiden und hatte sein Coming-out. »Meine Sehnsucht, authentisch zu sein, war größer als die Angst«, sagt er. Das Schlimmste sei gewesen, seine drei Kinder nicht mehr täglich zu sehen.

Durch sein Coming-out verlor der Imam seine Arbeit in der Moschee. Seinen Weg habe er dennoch mithilfe des Islams gefunden, nicht gegen ihn. »Der Islam ist ein System der Inklusion, des Mitfühlens, eines überwältigend gnädigen und vergebenden Gottes.« Geduldig erklärt er immer wieder, dass auch die Geschichte von Sodom und Gomorra nicht gleichgeschlechtlichen Sex verurteile, sondern Vergewaltigungen.

In Kapstadt hat Hendricks die Organisation Inner Circle gegründet, ursprünglich für homosexuelle Muslime. Neun gleichgeschlechtliche Paare hat er schon in einer islamischen Zeremonie getraut. Inzwischen kommen auch andere, die an Hendricks historisch-kritischer Koranauslegung interessiert sind.

Todesdrohungen hat Hendricks bisher nicht erhalten. Vielleicht liegt das daran, dass er nicht konfrontativ vorgeht. »Ich bin nicht daran interessiert, welche sexuelle Orientierung Menschen haben. Darunter liegt immer eine Seele, die sich danach sehnt, verstanden zu werden und sich selbst zu verstehen.« Seine Mission: Menschen dabei zu helfen, ihre Sexualität und Religion miteinander in Einklan

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