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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2013
Die Kraft der Stille
Der Inhalt:

»Schön ist das nicht«

von Jens Klein vom 08.11.2013
Ohne Koka-Blätter ist die schwere Arbeit nicht zu schaffen:
René Baltasar Vargas, 38, lebt als Minenarbeiter in Bolivien

An Feierabend ist noch nicht zu denken. Wir haben heute etwa dreißig Tonnen Gestein aus dem Berg Cerro Rico geschafft, aber zehn Tonnen mehr sollten es schon noch werden. Denn diese Woche haben wir eigentlich nur für die Stromrechnung und für den Kauf einer neuen Maschine in unserer Mine gearbeitet. Damit wir auch etwas für uns und unsere Familien verdienen, arbeiten wir auch sonntags. Außerdem möchten wir einen Feiertag ausgleichen, der uns sonst als Arbeitstag fehlt.

Ich arbeite in einer Kooperative namens Unificada mit insgesamt 5000 Mitgliedern. Seit Kurzem lebe ich mit meiner Familie in einem Haus direkt neben der Mine. Hier ist es zwar etwas einsam, und meine drei Kinder müssen jeden Morgen erst einmal 15 Minuten bis zur nächsten Bushaltestelle gehen. Aber es ist sehr wichtig, dass immer jemand hier ist, um die Mine und vor allem den Ablageplatz des ausgebrachten Gesteins zu bewachen. Das wäre sonst eine leichte Beute für Diebe!

In unserer Mine arbeiten wir mit einer Gruppe von 38 Leuten. Einen Chef gibt es nicht. Was wir verdienen, teilen wir untereinander auf. Wenn es gut läuft, bleiben für jeden von uns am Ende des Monats etwa 600 Dollar übrig. Das reicht aus, um mit meiner fünfköpfigen Familie zu überleben. Aber große Sprünge kann sich damit natürlich keiner von uns erlauben. Außerdem hängt die Bezahlung von der Menge der Mineralien im abgebauten Gestein ab. Daher wissen wir nie, wie viel Geld wir in einem Monat verdienen.

Alles, was wir abbauen, verkaufen wir an eine Firma in Potosí. Mithilfe schwerer Maschinen und vieler Chemikalien werden dort die einzelnen Minerale voneinander getrennt, um sie dann zu verkaufen. Das Gestein unserer Mine in der bolivianischen Hochebene nahe der Stadt Potosí enthält Silber, Zink, Blei und Zinn.

Die Arbeit ist gefährlich! Einige Kollegen von mir sind morgens zur Arbeit in die Mine gegangen und abends nicht mehr nach Hause gekommen. Sie wurden zum Beispiel unter Gesteinsbergen begraben. Andere sind zwar nicht gestorben, haben aber bei Unfällen einen Fuß oder ein Bein verloren.

Trotzdem habe ich nicht ständig Angst. Das war am Anfang noch anders: Ich wollte am liebsten gleich morgens wieder weg und nach Hause zu meiner Familie! Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und kann angstfrei dort unten arbeiten. Ein schöner Arbeitsplatz ist es trotzdem

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