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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2013
Die Kraft der Stille
Der Inhalt:

Diogenes im Bauwagen

von Sara Mierzwa vom 08.11.2013
Anders leben: Mitten in Darmstadt wohnen Menschen
mit bürgerlichen Berufen in einer ökologischen Wagenkolonie
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(Foto: Vetters)
(Foto: Vetters)
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Ein Clown tanzt verspielt in die Nacht. Auf dem Dach des Fahrradschuppens hüpfen Frauen rhythmisch im Scheinwerferlicht. Ein heller Strahl leitet die Besucher durch den dunklen Wald, lässt auf geheimnisvolle Weise zwei essende Frauen in weißen Gewändern aufscheinen und führt zurück zu den Bauwagen.

Das Licht der Scheinwerfer erleuchtet die Gesichter der Gäste, die verwundert mitgegangen sind. Dies ist nicht nur eine ganz besondere Outdoor-Performance. Mit der nächtlichen Show wird auch ein ausgefallener Ort und ein sehr ungewöhnliches Jubiläum gefeiert: Die Bewohner des Bauwagenplatzes Diogenes in Darmstadt feiern das zwanzigjährige Bestehen ihrer Wagenkolonie.

Menschen aus ganz Darmstadt, Familien mit Kindern, aber auch ältere Leute haben sich von den Angeboten auf den Platz locken lassen, sind erstaunt über diesen schönen, besonderen Ort. Und die zehn Erwachsenen und drei Kinder, die auf diese kreative Weise ihr gemeinsames Fest begehen, scheinen gar nicht so recht in das übliche Klischee von verdreckten Bauwagenchaoten zu passen: Alle Bewohner des Platzes gehen einer klassischen Erwerbstätigkeit nach. Es sind Krankenpfleger und Lehrerinnen, Sozialpädagogen, Architekten und Schreinerinnen.

Der Bauwagenplatz Diogenes grenzt seit zwanzig Jahren an den Stadtteil Bessungen, den beliebtesten Stadtteil von Darmstadt, wo die Durchschnittsmiete bei 10,61 Euro liegt. Auf dem Bauwagenplatz kostet die Pacht dagegen nur insgesamt siebzig Euro. Doch die Bewohner leben nicht etwa hier, um Mietkosten zu sparen: Sie wollen ein schlichtes, umweltgemäßes Leben in Gemeinschaft führen.

Der Gleichmut aus dem Holzfass

Der Wagenplatz in Darmstadt ist nach dem griechischen Philosophen Diogenes benannt, der keinen festen Wohnsitz hatte und nachts zuweilen in einem Holzfass schlief. Nach seiner Philosophie kann nur der Mensch glücklich werden, der sich von überflüssigen Bedürfnissen frei macht und unabhängig von äußeren Zwängen ist. Sein zentraler Begriff war die »Selbstgenügsamkeit« (griechisch: autarkeia). Es sei »göttlich, nichts zu bedürfen, und gottähnlich, nur wenig nötig zu haben«, soll Diogenes gesagt haben. Und daran scheinen sich die Bewohner des nach ihm benannten Platzes bis heute zu halten.

Das Jubiläum hat die Bewohner noch einmal

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