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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2013
Die Kraft der Stille
Der Inhalt:

Miriam und der Bürgerkrieg

von Andreas Boueke vom 08.11.2013
Als Kind erlebte sie in Guatemala die grausamen Überfälle in den Dörfern. Sie verlor ihre Eltern und sucht heute noch ihre Schwester

Ein Kellner stellt einen bunten Becher mit drei Eiskugeln auf den Tisch. Ich sitze mit Miriam in einem schicken Eiscafé in Guatemala-Stadt. Sie hat diesen Ort als Treffpunkt für unser erstes Gespräch vorgeschlagen, weil sie in der Nähe arbeitet. Wir treffen uns während ihrer Mittagspause. »Ich bin immer gehetzt«, sagt sie. »Aufstehen um vier Uhr morgens. Bis sechs Uhr abends arbeiten. Zurück nach Hause. Essen, ein bisschen Fernsehen. Der nächste Tag ist genauso.«

Miriam löffelt ihr Eis langsam. Während ihrer Arbeitszeit in einem Callcenter beantwortet sie die Fragen von Kunden einer US-amerikanischen Kreditkartenfirma. Dafür bekommt sie viertausendfünfhundert Quetzales im Monat, das sind etwa vierhundertfünfzig Euro. In Guatemala ist das ein sehr guter Lohn. Miriam sagt, sie habe den Job bekommen, weil sie gut Englisch spricht. Das hat sie während eines langen Krankenhausaufenthalts in den USA gelernt und in ihrer Adoptivfamilie in Guatemala.

Als wir das Lokal verlassen, merke ich, dass sie ihr linkes Bein nachzieht. Das ist die einzig sichtbare Spur, die der Bürgerkrieg an ihr hinterlassen hat. »Der Krieg hat mir das Leben gerettet. Das zu akzeptieren ist schwer und schmerzhaft. Aber wenn mich die Soldaten nicht entführt hätten, dann wäre ich heute nicht mehr am Leben. Ich war sehr krank. Ich hatte eine Rückgratverkrümmung, die so weit fortgeschritten war, dass meine Organe fast zerquetscht wurden. Hier in Guatemala hätte mir niemand helfen können. Die Operation konnte nur in den USA durchgeführt werden. Ich habe meine geliebten Eltern verloren, aber ich selber durfte auf dieser Welt bleiben.«

Das nächste Mal treffe ich Miriam in einer schicken Wohngegend im Süden von Guatemala-Stadt. Dort residiert die Gemeinde der kleinen evangelikalen Kirche »Iglesia Shalom« in einer herrschaftlichen Villa. Viele der Mitglieder sind US-Amerikaner, die seit Jahren in Guatemala leben. Miriam kommt öfter hierher, um am Gottesdienst teilzunehmen, aber auch um ihre Adoptivmutter Debbie Flores zu sehen.

Debbie Flores ist eine schmächtige Frau, die sehr viel jünger aussieht, als sie wirklich ist. In den 1970er-Jahren kam sie im Alter von fünfundzwanzig aus den USA nach Guatemala, hat geheiratet und drei Kinder zur Welt gebracht. Damals zerstörte ein großes Erdbeben weite Teile des Landes. Daraufhin begann Debbie Flores mit dem Aufbau eines Heims für Waisenki

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