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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2013
Die Kraft der Stille
Der Inhalt:

Der Menschenfreund

von Christian Feldmann vom 08.11.2013
»Ich soll mich nicht gewöhnen / Ich will mich erinnern / an alles, was man vergisst …« Was bleibt?, fragte Erich Fried kurz vor seinem Tod – vor 25 Jahren

Glaubst du, ich komme in den Himmel?«, fragte er einen Besucher sardonisch lächelnd, als er den Krebstod nahen fühlte. »Dann werde ich Heinrich Böll wiedersehen und Rudi Dutschke.« Der eigensinnige Individualist Erich Fried ließ sich die Frage nach der Tiefendimension menschlichen Lebens ebenso wenig verbieten wie das Gespräch mit politischen Erzfeinden. Der Antifaschist und Vorzeige-Linke, dem die Nazis den Vater totgetreten hatten, mied jene Schulfreunde nicht, die in die Hitlerjugend eingetreten waren; er suchte sie von der Dummheit der neuen Heilslehre zu überzeugen. In den 1980er-Jahren besuchte er den Neonazi Michael Kühnen im Gefängnis, um seine Motive verstehen zu können.

Trotzdem warf die sonst so seriöse F. A. Z. dem Querkopf auf dem Höhepunkt der Terroristenhatz eine ansteckende »Mörderpoesie« (28. Oktober 1977) vor: Als am 7. April 1977 ein RAF-Kommando den Generalbundesanwalt Siegfried Buback erschoss, nahm Erich Fried die Bluttat zum Anlass für ein Gedicht.

»Dies Stück Fleisch / war einmal ein Kind / und spielte / Dies Stück Fleisch / war einmal ein Vater / voll Liebe (…) Dieses Stück Fleisch / war ein Mensch / und wäre wahrscheinlich / ein besserer Mensch gewesen / in einer besseren Welt (…) Der Abscheu vor ihm / half Herzen / verhärten wie seines (…) Schon darum / kann ich nicht ja sagen / zu seinem Tod (…) Es wäre besser gewesen / so ein Mensch / wäre nicht so gestorben / Es wäre besser gewesen / so ein Mensch / hätte nicht so gelebt.«

Im hysterischen Klima jener Monate machte man sich mit solchen Worten selbst zum Freiwild. Der Fraktionschef der Bremer CDU schlug markig vor, Frieds Werke zu verbrennen (1983 erhielt Fried in derselben Stadt den Literaturpreis). Das bayerische Kultusministerium ließ seine Texte aus Schulbüchern tilgen. Frieds Gegner konnten nicht begreifen, dass der Dichter einem Terroropfer, dessen politische Haltung er verabscheuen musste, mit seinen nachdenklichen Versen die menschliche Würde hatte retten wollen.

Aber auch von linken Dogmatikern hagelte es entrüstete Kritik, wenn der Hauspoet der Außerparlamentarischen Opposition sich wieder einmal als unzuverlässig erwies. Henryk M. Broder, ein Jude deutscher Sprache wie Erich Fried und damals schon nicht besonders dezent in seinen Urteilen, verhöhnte ihn einige Jahre später im »Spiegel« als »Mutter Teresa für den kritischen Studienrat mit SDS-Erfahrun

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