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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2013
Die Kraft der Stille
Der Inhalt:

»Ich bin einer von euch«

von Bettina Röder vom 08.11.2013
Unter Lebensgefahr filmte Marco Wilms die Revolutionäre in Ägypten. Nun stellte er den Dokumentarfilm in Leipzig vor

Er hatte sich geschworen: »Ein zweites Mal verpasst du keine Revolution.« Denn als im Oktober 1989 Hunderttausende Menschen in der DDR gewaltlos demonstrierten, saß Marco Wilms mit seiner Freundin in West-Berlin. Er war im September wie so viele andere auch über Ungarn »abgehauen«. Die Revolution »rauschte an mir vorbei«, sagt der Regisseur heute. 21 Jahre später, als wieder Menschen gewaltlos demonstrierten, diesmal auf dem Tahrir-Platz in Ägypten, da packte er seine Kamera ein und fuhr hin. Er konnte nicht ahnen, dass aus dem einen Aufenthalt insgesamt acht würden. Über zweieinhalb Jahre lang hat er die Revolution, die dann alles andere als gewaltlos war, mit seiner Kamera begleitet. Vor allem hat er den Widerstand junger Künstler dokumentiert. Er erzählt in dem Streifen »art war« von ihrer Energie und Leidenschaft, von ihren Träumen für eine bessere Welt. Und so verwundert es nicht, dass auf der Leipziger Dok-Filmwoche sein Film unter den 3 600 eingereichten besondere Aufmerksamkeit erfuhr: Er wurde mit dem zweiten Preis im deutschen Wettbewerb ausgezeichnet.

Marco Wilms sitzt an diesem 2. November kurz vor Schluss der Filmwoche in einem Straßencafé gegenüber der Nikolaikirche. Unter seiner schwarzen Lederjacke trägt er ein blaues T-Shirt. »Ich bin einer von euch« steht mit schwarzen arabischen Buchstaben darauf. »Das habe ich in Kairo immer getragen«, sagt er. Zu den jungen Künstlern bekam er dann schnell Kontakt: Über den Straßenmusiker Ramy lernte er all die anderen kennen: die Sängerin Bosaina mit ihrer Band, die Graffiti-Künstler Ganzeer und Ammar, die wie auch schon Künstler unter den Pharaonen ihre Bilder auf Wände malen. Mit anderen haben sie in der Mohammed-Machmud-Straße nahe dem Tahrir-Platz mit Porträts den 74 im Fußball-Stadion Port Said getöteten Menschen ein Denkmal gesetzt. »Sie sind so alt, wie ich war, als die Mauer fiel«, sagt Wilms.

Der 1966 in Ostberlin geborene Dokumentarfilmer, dessen Mutter im Außenhandel arbeitete, der Vater in der Datenverarbeitung, gehörte in der DDR zu jenen Jugendlichen, die kriminalisiert wurden: wegen »subversiver Hetze«. Er hatte sich mit Polizisten angelegt, wurde er aus der FDJ ausgeschlossen und durfte auch kein Abitur machen. Das holte er auf der Abendschule nach. Widerständigkeit und D

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