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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2012
Gefährlicher Reichtum
Warum wir eine gerechte Verteilung brauchen
Der Inhalt:

Selig sind die Gleichen

von Silke Niemeyer vom 09.11.2012
Dass sich Gerechtigkeit für alle lohnt, das wusste schon die Bibel

Gleichheit ist Glück. Und Geld allein macht nicht glücklich. Das haben die Forscher Kate Pickett und Richard Wilkinson jetzt nachgewiesen. Besitz muss einigermaßen gerecht verteilt sein, erst dann sind auch die mit dem vielen Geld glücklich. Je ungleicher der Wohlstand verteilt ist, desto schlechter geht es allen, nicht nur den Habenichtsen, sondern auch den Überfluss-Habenden. Sie sind kränker, depressiver, haben größere Ängste, werden häufiger Opfer von Gewalt, nehmen sich in höherer Zahl das Leben als in egalitären Gesellschaften.

Was das Forscherteam in jahrelanger Fleißarbeit herausgefunden hat, nämlich dass gerechte Gesellschaften für alle besser sind, ist die biblische Sicht auf die Welt seit Jahrtausenden. Dass der Reichtum gerecht verteilt und der Armut abgeholfen werden soll, ist für die Heilige Schrift kein moralischer Appell an die Großzügigkeit der Besitzenden. Es ist die eigentliche Gotteserkenntnis: »Dem Elenden und Armen zum Recht verhelfen. Heißt das nicht, mich recht erkennen?, spricht der Herr« (nach Jeremia 22, 16). Die rechte Gotteserkenntnis ist demnach eine sehr praktische. Sie zielt auf konkretes Handeln, nicht auf spirituelle Höhenflüge. Sie zielt auf Recht, nicht auf Gnade. Deshalb findet man in den Schriften des Ersten Testaments so viele Rechtsvorschriften, die dem Ziel dienen: »Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein« (5. Mose 15, 4). Armut zu bekämpfen und egalitäre Lebensverhältnisse herzustellen, dazu dient beispielsweise das Zinsverbot: »Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volk, an einen Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln; du sollst keinerlei Zinsen von ihm nehmen« (2. Mose 22, 24).

Dazu dienen die Institutionen des Erlassjahrs und des Jobeljahrs: Jedes siebte Jahr wurden alle Schulden erlassen, die Schuldsklavenverhältnisse aufgelöst und die Freigelassenen mit Vorräten für den Neuanfang ausgestattet (5. Mose 15). In jedem fünfzigsten Jahr fiel darüber hinaus sämtlicher veräußerter Grundbesitz wieder an die ursprünglichen Eigentümer zurück (3. Mose 25). Diese ökonomischen Instrumente sollten verhindern, dass die Gesellschaft sich spaltete in Reiche und Besitzlose, Herren und Sklaven, Großgrundbesitzer und Landlose. Bemerkenswert ist, dass es hier ohnehin kein absolutes Eigentum und darum nur eine beschränkte Verfügungsberechtigung am Land gibt. Die Bibel kennt nur einen Eigentümer, und das ist Gott. Die Mensc

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