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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2012
Gefährlicher Reichtum
Warum wir eine gerechte Verteilung brauchen
Der Inhalt:

Ein Tässchen Mokka, bitte

von Annette Lübbers vom 09.11.2012
Für wenige Euro führen die Reiseleiter vom »Kulturklüngel« ihre Besucher nach Lateinamerika, Afrika, Indien oder in die Türkei. Und das alles mitten in Köln

Sport ist das beste Mittel gegen Blödsinn. Wer allerdings meint, dass die Schule unwichtig ist, der fliegt hier auch ganz schnell wieder raus«, sagt Mecit Besiroglu und korrigiert die Haltung eines seiner Schüler. Jetzt geht es richtig zur Sache. Jungen unterschiedlichen Alters schlagen mit dicken Boxhandschuhen auf lange gelbe, schwarze oder rote Sandsäcke. Jeder Schlag wird begleitet von einem dumpfen Geräusch: puff, paff, puff. Die Kleinen legen sich mächtig ins Zeug, um die schweren Säcke ins Schwingen zu bringen. Dazwischen steht der stämmig-kraftvolle 64-Jährige in Jeans und grauem Sweatshirt und gibt Anweisungen: »Nimm die Fäuste höher. Ja, so ist es richtig.« Mecit Besiroglu ist stolz auf seine Jugendlichen, die fast alle einen Migrationshintergrund haben. »Diese Boxhalle ist seit 1977 meine Moschee und meine Kirche. Ich habe schon Tausende Jugendliche von der Straße geholt. Die Jungs brauchen Disziplin und Respekt. Beides lernen sie hier«, sagt der ehemalige türkische Vizemeister im Amateurboxen.

Zwanzig Minuten nach dem Anschauungsunterricht für Integrationsarbeit stehen wir – vier Damen und zwei Herren mittleren Alters – wieder auf dem Kölner Hansaring vor der unscheinbaren, etwa fünfzig Zentimeter schmalen grauen Stahltür in einem S-Bahn-Gewölbe. »Integration durch Sport Boxen Köln e. V.« ist auf dem lässig mit Klebestreifen an die Tür gepappten Schild zu lesen. Hinter dem schmalen, grau verputzten Gang liegt das Reich von Mecit Besiroglu, das wir gerade aufgesucht haben – ein etwa hundert Quadratmeter großer Saal, der von einem großen Boxring dominiert wird. »Ein Superprojekt für die Jugendlichen. Die wissen ja sonst manchmal gar nicht, wohin mit ihrer Kraft«, sagt eine Dame und nickt anerkennend mit dem Kopf.

15,7 Millionen Migranten – Ausländer und Deutsche mit Migrationshintergrund – sind in Deutschland gemeldet. Mehr als zwei Millionen stammen aus der Türkei. Und davon leben mehr als 60 000 im rheinischen Köln. Berührungspunkte gäbe es eigentlich viele – nur genutzt werden sie selten. Statt über die Parallelwelten in deutschen Großstädten zu lamentieren, hat sich die kleine Gruppe heute aufgemacht, das türkische Köln kennenzulernen. Wir haben bei der Organisation »Kulturklüngel« einen Ausflug in das kölnisch-türkische Milieu gebucht. Für wenige Euro führen freiberufliche Reiseleiter in verschiedene Migrantenmilieus: lateinamerikanisch, afrikanisch, fernöstlich, indisch –

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