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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2012
Gefährlicher Reichtum
Warum wir eine gerechte Verteilung brauchen
Der Inhalt:

Ausverkauf der Seelen

von Bettina Röder vom 09.11.2012
Über den Narzissmus, die Rolle des Konsums und die Fähigkeit zu teilen. Fragen an den Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz

Herr Maaz, warum definieren sich so viele über Konsum und Reichtum?

Hans-Joachim Maaz: Das erklärt sich meines Erachtens aus dem gestörten Narzissmus, der Liebe zu sich selbst. Das Problem besteht darin, dass innere Bedürftigkeit, Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühle weit verbreitet sind. Dafür muss der Mensch einen Ausgleich finden. Da stellt sich die Frage, was die Gesellschaft anbietet.

Und was bietet sie an?

Maaz: Als Leistungs-, Konsum- und Konkurrenz- gesellschaft sagt sie mir: Wenn ich nur besonders gut bin, wenn ich viel leiste, wenn ich erfolgreich bin, wenn ich viel konsumiere, dann kann ich meine innere Bedürftigkeit, meine Unsicherheit, meine Minderwertigkeitsgefühle beschwichtigen. Das klappt aber nie wirklich. Es enthält deshalb immer eine Tendenz zur Sucht. Die Befriedigung währt nur kurz, dann ist man wieder unzufrieden. Das ist wie ein Stachel.

Seit Jahrzehnten wird Reichtum von unten nach oben umverteilt. Warum hebt keine Regierung diesen Prozess auf?

Maaz: Weil viele der Regierenden auch vom Narzissmus geprägt sind. Das heißt, dass sie ihre innere Bedürftigkeit mit Macht kompensieren. Man muss die Fähigkeit haben, sich besser darzustellen, als man ist, und andere abwerten. Die meisten Politiker brauchen das Gefühl, dass sie bedeutend sind, etwas beeinflussen können. Sie glauben, dass nur ihre Meinung zählt. Das ist allerdings eine eklatante Ersatzbefriedigung. Macht und Geld sind die Hauptnahrung des Narzismus. Solange das so bleibt, haben wir keine Chancen auf Veränderung.

Wo zeigt sich das aktuell?

Maaz: Redlich wäre im Blick auf die Staatsschuldenkrise, wenn Politiker sagen würden: Wir sind in einer Krise, die wir nicht richtig übersehen, verstehen können und in der wir nicht wissen, was zu tun ist. So könnte eine Diskussion über unsere Lebensformen ermöglicht werden. Stattdessen geben alle vor: Wir verstehen das alles, wir haben das im Griff, alles ist sicher. Das ist so etwas wie eine Selbstberuhigung der innerseelischen Unsicherheit.

Die Reichen klagen, dass es Sozialneid gibt.

Maaz: Den gibt es, weil der Wert des Menschen nach äußeren Dingen bemessen wird: was er verdient, welches Auto er fä

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