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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2021
Vergeben und vergessen
Was billige Gnade von echtem Verzeihen unterscheidet
Der Inhalt:

KakophoneProtestsongs

von Thomas Winkler vom 22.10.2021
(Foto: bandcamp)
(Foto: bandcamp)

Bigband. Seltsamer Name, außergewöhnliches Konzept, irre Musik: »The Dorf« sind ein loses Klangkollektiv aus bis zu 35 Musikerinnen und Musikern aus dem ganzen Ruhrgebiet, die sich seit 2006 einmal im Monat im Dortmunder Domicil Jazz Club treffen, um eine laute, tabulose und in alle möglichen musikalischen Richtungen ausbrechende Kakophonie anzurichten.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 20/2021 vom 22.10.2021, Seite 54
Vergeben und vergessen
Vergeben und vergessen
Was billige Gnade von echtem Verzeihen unterscheidet

Für sein neues Album »Protest Possible« hat das Bigband-Projekt unter der Leitung des Musikers und Komponisten Jan Klare das ohnehin schon offene Konzept noch einmal erweitert, und zwar um das Wort: Songwriter und Autorinnen – Natascha Gangl, Wolf Kampmann, Lisa Danulat und Jörn Klare, der Bruder des Bandorganisators – haben lyrische Texte geschrieben, in denen, so die Vorgabe, das Unbehagen mit einer materialistischen Gesellschaft zum Ausdruck kommen soll – Protestsongs eben.

Das Ergebnis ist ein sperriges, schwer intellektuelles, aber trotzdem extrem unterhaltsames Vergnügen. Zu Orchester-Heavy-Metal oder Neuer Musik, improvisierter Schönheit und organisiertem Chaos, jazzigen Balladen und flottem Soul wird von Demagogen, dem Kapitalismus oder esoterischen Spinnern gesungen. Allein das epische »Sag warum« zieht eine Linie vom Kaiserreich über das Hitler-Regime und die DDR-Diktatur bis ins fröhlich in der Marktwirtschaft wiedervereinigte Deutschland. Und während der deutsche Charakter seziert wird, läuft die Musik Amok, wird ein fußlahmer Walzer mit einer Schlagermelodie aufgepeppt, bevor alles ins Atonale abstürzt. Auch der Titelsong »Protest Possible« nimmt einen mit auf eine rhythmisch extrem holprige Reise, auf der der Chorus zwar »Frieden! Frieden!« fordert, aber in der Strophe der Konsument wie gewohnt meckert: »Ich war nicht zufrieden mit dem Service!«

Nein, demotauglich sind diese Stücke kein bisschen, aber dafür nehmen sie in ihrer Komplexität ihren Gegenstand ernst, verdammt ernst sogar.

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