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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2018
Mensch oder Profit
Woran die Pflege krankt. Und wie es besser geht
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Tupperdosen-Kunst

vom 26.10.2018

Ich habe einen Küchenschrank, in den ich Besucher nicht reinschauen lasse. Das ist der Schrank für die Plastikdosen. Es rappelt und klappert, wenn ich darin ein passendes Behältnis für das Schulbrot meiner Tochter suche, weil die heißgeliebte Lilifee-Box in der Spülmaschine steckt. Gar nicht so einfach, für jede quadratische, rechteckige oder zylinderförmige Box einen Deckel zu finden. Manche sind undicht oder schließen schlecht, was ungünstig ist – schließlich ist das Schinkenbrot der natürliche Feind des Leselernheftes. Meine Freundin Jule hat auch so einen Schrank. Nur steht der meistens offen, damit jeder ihre nach Größe sortierten bunten Dosen sieht: Jule ist mal wieder ganz vorn dran. Sie ist neuerdings Meal-Prepperin. Auf Deutsch: Essens-Vorbereiterin. Jule kocht Mahlzeiten für mehrere Tage vor. Das ist vernünftig. Meine Oma hätte sie sehr gelobt.

Doch Jule tut nur scheinbar etwas Althergebrachtes. In Wahrheit gehört sie zur Speerspitze einer Bewegung aus Millennials – also Menschen, die im letzten Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende oder danach geboren sind –, die es lieben, das Banale zum Besonderen zu erheben und mit einem schönen Anglizismus zu belegen. Sie tauschen natürlich keine Tipps und Tricks zur Alltagserleichterung aus (»Spaghetti an die Wand werfen, um zu überprüfen, ob sie al dente sind«), sondern Life Hacks. Sie laufen nicht. Ihre Sportart heißt Running. Und weil Seilhüpfen nach bezopften Mädchen auf dem 1950er-Jahre-Schulhof klingt, betreibt der Hipster Rope Skipping. Verbrennt sensationell viele Kalorien in kürzester Zeit! Nun also Meal-Prepping.

Dass außer Jule noch abertausend andere diesem Trend folgen, spiegeln nicht nur die knapp sieben Millionen Beiträge unter dem Hashtag #mealprep auf Instagram wider. Dort teilen die Köchinnen und Köche Fotos ihrer bunt geschichteten, kohlehydratfreien Mittagsportionen fürs Büro. Ein paar Datteln, ein paar Mandeln, Gurken, Karotten oder Sellerie, zugeschnitten wie fürs Pausenbrot der Kinder. Sieht schön aus, echte Tupperdosen-Kunst. Auch das wachsende Angebot an Vorratsdosen verblüfft. Wer eine echte Meal-Prepperin werden will, benötigt diverse Frischhaltebehälter, etwa japanische Bento-Boxen mit drei bis

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