Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2018
Mensch oder Profit
Woran die Pflege krankt. Und wie es besser geht
Der Inhalt:

Moral statt Freiheit

von Michael Schrom vom 26.10.2018
Die Theologin Regina Elsner über die Sozialethik der Russischen Orthodoxen Kirche seit dem Ende der Sowjetunion

Publik-Forum: Orthodoxe Bischöfe schwärmen von der religiösen Neugeburt Russlands. Stimmt das? Und woran liegt das?

Regina Elsner: Die Orthodoxe Kirche hat nach dem Ende der Sowjetunion in der Tat eine Wiedergeburt erlebt. Dabei spielt die Sehnsucht nach Idealen, vielleicht auch nach einer neuen Ideologie eine große Rolle, nachdem ein Weltbild und ein komplettes Gedankensystem zusammengebrochen ist. Die Russische Orthodoxe Kirche kann mit ihren Moralvorstellungen und mit ihrer reichen Liturgie auf diese Sehnsucht antworten. Die Liturgie und der Glaube geben Halt in dem für die allermeisten Russen doch sehr mühseligen Alltag.

Das Ansehen der Kirche in Russland ist hoch. Aber sind die Menschen auch gläubig?

Elsner: Es gibt sicher eine hohe kulturelle Identifikation mit der Kirche, aber wie viel Religiosität dahintersteckt, ist schwer zu sagen. Sieht man sich die Statistiken zur Kriminalität oder auch zu Werten wie Individualismus und Konsumverhalten oder die Zahl der Scheidungen und Abtreibungen an, erkennt man schnell, dass es das heilige Russland, welches die orthodoxe Kirche gerne hätte, so nicht gibt.

Stimmt die Beobachtung, dass für die Russische Orthodoxe Kirche moralethische Fragen wichtiger sind als Friedensethik oder individuelle Freiheitsrechte?

Elsner: Zurzeit ist das richtig. Seit 25 Jahren orientiert sich die russische Kirche zunehmend am Staat und weniger an der Zivilgesellschaft. Für den Staat wiederum sind moralische Fragen seit der dritten Amtszeit von Putin zentral geworden, weil die komplette Innenpolitik darauf basiert, Angst zu verbreiten und nach Feinden zu suchen. Zwar war die Orthodoxe Kirche schon immer eine moralisch konservative Kirche. Traditionelle Werte wie zum Beispiel Vaterlandsliebe oder Familie haben einen höheren Stellenwert als individuelle Freiheitsrechte. Deshalb kritisiert man auch die universellen Menschenrechte als ideologisches Konstrukt des Westens. Aber dass dieses Thema einen so großen Stellenwert bekommen hat und die Kirche den öffentlichen Diskurs darüber so stark mitbestimmt, hängt mit der politischen Entwicklung des Landes und der Abhängigkeit der Kirche vom Staat zusammen.

Die Kirchen in Deutschland kennen selbstbewusste Laien. Angefangen von den Synoden der

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen