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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2018
Mensch oder Profit
Woran die Pflege krankt. Und wie es besser geht
Der Inhalt:

Die Sehnsucht nach dem »liberalen« Islam

von Muhammad Sameer Murtaza vom 26.10.2018
Die deutsche Mehrheitsgesellschaft definiert, wer ein guter Muslim ist. Das ist übergriffig. Zwischenruf zur Islamkonferenz

Im derzeitigen gesellschaftlichen Klima ist es sicherlich nicht übertrieben, festzustellen, dass die meisten Deutschen entweder einen anderen oder gar keinen Islam im Lande wünschen. Oft ist die Rede von »dem Islam«, als gäbe es ihn nur in einer einzigen Erscheinungsform, und von »den Muslimen«, die allein auf ihren Glauben reduziert und als Fremdkörper wahrgenommen werden. Kein Wunder also, dass sich die Öffentlichkeit empfänglich zeigt für ein Phänomen, das sich als »liberaler« Islam bezeichnet. Einen »liberalen« oder am besten gleich »säkularen« Islam erhofft sich derzeit auch das Innenministerium von der Deutschen Islamkonferenz, die im November neu zusammenkommen wird. Klingt in den Ohren vieler Nichtmuslime gut, hat aber ein Problem: Die meisten Mitbürger muslimischen Glaubens können mit derlei Etiketten nichts anfangen.

Das »liberale« Label hat eine Vorgeschichte: Bereits 2010 gründeten sich der Liberal-Islamische Bund (LIB) und der Verband Demokratisch-Europäischer Muslime (VDEM). Dankbar griffen vor allem Nichtmuslime das Label »liberal« auf, um über die Mehrheit der hiesigen Muslime das Pauschalurteil »konservativ« zu sprechen: Man machte sie damit zum Sündenbock für Integrationsversäumnisse. Die wussten kaum, wie ihnen geschah. Schnell entwickelten sich die Begriffe »liberal« gegen »konservativ« zu politischen Kampfbegriffen weiter, die Muslime simplifizierend in fortschrittlich, demokratisch gesinnt, grundgesetztreu, loyal auf der einen Seite und rückschrittlich, undemokratisch, nicht grundgesetztreu und illoyal auf der anderen aufteilte. Dabei wollte sich kaum jemand aus der muslimischen Community mit dem Begriff konservativ identifizieren, geschweige denn, einen konservativen Islam verteidigen. Bis zum heutigen Tag ist er ein Zuschreibungsbegriff der Mehrheitsgesellschaft.

Aber auch der Anspruch der »liberalen« Muslime für die schweigende Mehrheit der Muslime zu sprechen scheiterte an der Realität. Der VDEM existiert längst nicht mehr. Der LIB hat heute nur etwas über 350 Mitglieder und sechs Gemeinden und Gruppen in Köln, Frankfurt, Berlin, Stuttgart und Hamburg. Mittlerweile hat er wohl erkannt, dass die Polarisierung liberal/konservativ falsch war und ein unüberwindbares Hindernis für einen konstruktiven Dialog mit der eigenen Gemeinschaft darstellt. LIB-Aktivisten beschlich zudem das Gefühl, dass sie zunehmend als K

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