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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2016
Was die Gesellschaft zusammenhält
Ein Gespräch mit dem Philosophen Hans Joas
Der Inhalt:

Was steckt hinter der Gülen-Bewegung?

vom 21.10.2016
Der türkische Präsident Erdogan macht den Prediger Fetullah Gülen zum Sündenbock für den abgewehrten Putsch im Juli – ohne Beweise. In Deutschland scheiden sich die Geister an Gülens islamischer Bewegung – zwei konträre Standpunkte

Heiner Barz: Moderne Muslime

Der Theologe Fetullah Gülen lädt ein, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten

Letzten Sommer war ich bei einem meiner Doktoranden zum Fastenbrechen abends in seine Wohnung eingeladen. Nach Studienjahren in den USA und der Schweiz will er über die internationale Hizmet-Bewegung und ihre länderspezifischen Ausprägungen promovieren. Spätabends kam seine Frau, die mit Freundinnen gefeiert hatte, zurück. Ja, sie trug ein Kopftuch. Den Abend über hatte der junge muslimische Vater, der sich zu Gülen bekennt, gekocht, das Baby gewickelt, gefüttert und liebevoll ins Bett gebracht. Ein eindrucksvolles Beispiel der neuen Väterrolle – in völliger Übereinstimmung mit Koran, Sunna und Gülen. Von demselben Studenten hatte ich Monate zuvor erfahren, dass es an meiner Hochschule auch einen Gebetsraum gibt. Während andere sich in der Mensa verabreden, nutzt er die Pausen dort zum Gebet. Offenbar lassen sich religiöse Praxis und moderne Lebensformen ziemlich reibungslos verbinden.

In den Schriften der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) dagegen wird uns ein anderes Bild der Hizmet-Bewegung suggeriert. Dort ist Fetullah Gülen der Islamist, der sein mittelalterliches Scharia-Programm perfide versteckt hinter Lippenbekenntnissen zu interreligiösem Dialog, säkularer Bildung und postmodernem Pluralismus. Und der deshalb noch viel gefährlicher scheint als offen demokratiefeindliche Salafisten.

Pharisäerhaft halten EZW-Schriftgelehrte den Gülen-Leuten aus dem Zusammenhang gerissene Zitate vor aus uralten Schriften Gülens oder aus – zumal gefälschten – Video-Botschaften. Ob es um die gesellschaftliche Stellung der Frau geht, um die Frage, ob Religionswechsel mit dem Tod bestraft werden solle, oder um den Vorrang von Rechtsordnung oder islamischer Rechtsauffassung. Immer liefert uns die EZW die schlimmstmögliche Interpretation. Gülen hätte frühere Putschversuche des türkischen Militärs gutgeheißen, schreibt Gülen-Experte Friedmann Eißler jüngst im September-Heft des EZW-Materialdienstes. Dass Gülen ein halbes Jahr im Gefängnis saß nach einem Militärputsch, den er angeblich begrüßt hat, erfährt der EZW-Leser nicht. Die Bundesregierung sei schon im Frühjahr 2016 auf Distanz zur Gülen-Bewegung g

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