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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2014
Wie mich mein Glaube trägt
Von Menschen, die Gott suchen
Der Inhalt:

»Warum dürfen Kinder das?«

von Anita Rüffer vom 24.10.2014
Wenn erwachsene Söhne und Töchter den Kontakt abbrechen, verzweifeln die verlassenen Eltern. Fast immer steht dahinter eine lange Leidensgeschichte. Und eine unbemerkte Bindungsstörung

Es hat mal eine Zeit gegeben, da hat er jedes Mal geschrien, wenn die Mutter ihn verließ. Als der Sohn noch ganz klein war, musste sie ihn tagsüber einer Tante überlassen, damit sie wieder arbeiten gehen konnte. Auch später im Kindergarten gab es Geschrei, wenn sie ging. Er ist das älteste ihrer drei Kinder. »Zu den Ältesten hat man meist eine besonders innige Beziehung«, sagt die heute 72-Jährige und erinnert sich mit Trauer in der Stimme, wie das aufgeweckte Kerlchen »mit neun Monaten schon laufen« konnte. Inzwischen aber ist es der Sohn, der die Mutter verlassen hat. Wie es aussieht, für immer.

Seit vierzehn Jahre hat der heute fast fünfzigjährige Sohn sich nicht mehr gemeldet, er hat den Kontakt zu seiner Familie vollständig abgebrochen: Anrufe wurden abgeblockt, Briefe kamen zurück. Ihre – »wahrscheinlich zwei« – Enkelkinder kennt die Großmutter nicht. »Es gab doch gar keinen richtigen Grund«, klagt die verzweifelte Frau. »Dumme und unnötige Auseinandersetzungen« seien vorausgegangen, die der Sohn sich aus den Fingern gesaugt habe. Auch Frauen seien immer ein Auslöser für seinen Rückzug gewesen. »Es gibt Eltern, die schlagen und vergewaltigen ihre Kinder. Das war doch bei uns alles nicht der Fall!« Im Gegenteil: Alles haben die geschiedene Mutter, Pflegedienstleiterin in einem Krankenhaus, und der Stiefvater, ein Apotheker, getan, damit die drei Kinder eine gute Ausbildung bekamen: Für den Ältesten haben sie sogar zwei abgeschlossene Vollstudien finanziert. Die Kinder sollten es schließlich mal leichter im Leben haben als sie selbst.

Wegwerfeltern

»Warum dürfen Kinder das? Warum bleibt es ohne Konsequenzen, wenn Kinder ihre Eltern verlassen?«, fragt sich die ratlose Mutter und sucht Antworten in den gesellschaftlichen Veränderungen der jüngeren Vergangenheit: zu viele Rechte, zu wenig Pflichten für die Kinder? »Ich stamme selber aus einer anderen Generation. Da hatte man Respekt vor den Erwachsenen,« sagt sie. Unter dem Pseudonym Lilly Klein hat die verlassene Mutter ihre Geschichte aufgeschrieben. »Wegwerfeltern« hat sie ihr Buch genannt.

Lilly Klein weiß, dass sie nicht die Einzige ist, der solches widerfährt. Zwar gibt es keine Statistik, die verrät, wie viele erwachsene Kinder den Kontakt zu ihrer Familie abbrechen. Und häufig wird darüber verschämt geschwiegen. Aber bundesweit haben sich viele »verlassene Eltern« in Sel

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